Vorher - Nachher

Vorher - Nachher

In der Ehe ... Meine beiden Kinder habe ich sehr spät bekommen, nach Studium, Promotion, weiterer Qualifizierung und erster Berufstätigkeit. Ich arbeite für ein großes, internationales, forschendes Pharmaunternehmen. Nach Forschungstätigkeit im In- und Ausland habe ich mich bewusst für eine Tätigkeit am Schreibtisch entschieden und bin ca. ein Jahr nach meinem Zuzug nach Berlin das erste Mal schwanger geworden. Ich habe immer gern gearbeitet, bin gut darin, es gibt mir Selbstbestätigung, finanzielle Unabhängigkeit, Ausgleich, Zufriedenheit. Klar will ich weitermachen, auch mit Kind. Das familienfreundliche Unternehmen hat mir auf meinen Wunsch einen Heimarbeitsplatz eingerichtet und ich habe nach acht Wochen Pause in Vollzeit weitergearbeitet, drei Jahre später kam das zweite Kind. Beruflich lief es immer reibungslos. Ich bekam Anerkennung auch in Form von Gratifikationen und Gehaltserhöhungen, auch noch nach der Geburt der Kinder. Ohne ernsthafte finanzielle Probleme leisteten wir uns eine Kinderfrau, es gab keine Fehlzeiten wegen Krankheit, nicht bei mir – und Dank der Kinderfrau auch nicht wegen der Kinder. Zu Kongressen nahm ich die Kinder mit oder der Papa blieb drei Tage mit ihnen zu Hause, unterstützt von Oma und Kinderfrau. Ich sah meine Kinder immer, stillte sie bis zu eineinhalb Jahre lang, hatte immer das Gefühl für sie da zu sein. Meine Kombination Beruf und Familie funktionierte – für mich.

Ganz anders lief es nach meiner Ehe … Als sich mein Mann neu verliebte und auszog, brach alles in sich zusammen. Anstelle seines Gehaltes gab es nur den Unterhalt für die Kinder. Ich verdiente ja schon immer genug, auch jetzt mit reduzierter Arbeitszeit reicht es. Die Kinderfrau ist zu teuer, aber beide Kinder kommen sofort in geeigneten Betreuungseinrichtungen unter. Wir stammen aus westlichen Bundesländern, da sind Zustände wie in Berlin, was die Betreuung unter 3-Jähriger angeht, Wunschvorstellungen. Ich habe großes Glück. Meine Chefin ist sehr verständnisvoll, war es besonders in der Trennungsphase, in der ich psychisch sehr gelitten habe und körperlich angeschlagen war. Da drohte mir die Mehrfachbelastung zu entgleiten, alles war zu viel: Kinder, Arbeit, Haushalt, Umzug, Schulprobleme wegen psychischer Erkrankung, ständige Arzttermine, andauernder Streit mit dem Vater.

Ich muss jetzt Kinderkrankheitstage nehmen, da Kitas keine fiebernden Kleinkinder akzeptieren. Ich werde immer öfter zerrissen zwischen schlechtem Gewissen den Kindern gegenüber, zu wenig Zeit für sie, zu oft gestresst, schlechte Laune, die Arbeit noch nicht fertig, abends, wenn die Kinder schlafen, noch mal weiter am PC … Die Kinder, der Große vor allem, leiden unter der Trennung. Ohne die Verlängerung meines Heimarbeitsplatzes wären seine Therapietermine nicht einzuhalten. Die Beziehung zum Vater ist zwischendurch sehr problematisch. Die Kinder wollen nicht zu den Besuchszeiten hingehen. Absprachen wegen der Ferien scheitern: Plötzlich hab ich die Kinder wieder vor der Tür, obwohl ich keinen Urlaub habe. Nur weil ich zu Hause arbeite, heißt das nicht, dass ich ständig verfügbar bin.

Zu meiner Vorgesetzten habe ich ein gutes Verhältnis. Sie verteilt Arbeiten ohne besonderen Zeitdruck. Das Unternehmen weiß meine Arbeit zu schätzen, auch wenn diese nicht mehr so ist wie vorher. Ich bin nicht flexibel, nicht immer in der Lage und bereit zu Mehrarbeit. Natürlich werde ich nicht „weiterentwickelt“, aber das würde meine Kräfte auch weit übersteigen. Ich bin zufrieden. Die Arbeit gibt mir Sicherheit und unserem Familienleben eine gute Grundlage. Noch besser wäre eine flexiblere Kinderbetreuung, die bei Teilzeitarbeit (und Teilzeitgehalt) auch mal ab und zu längere Verweildauern in den Einrichtungen ermöglicht, ohne gleich die Vollzeitgebühr zu fordern. Ich stocke stundenweise mit Babysittern auf, z. B. wenn Meetings länger angesetzt sind. Gerade bei Telefonkonferenzen mit amerikanischen Kollegen ist es wegen der Zeitverschiebung nie zu schaffen, ohne Zusatzkosten für die Kinderbetreuung auszukommen. Ich glaube nicht, dass ich als Alleinerziehende stärker benachteiligt bin in meinem Unternehmen verglichen mit anderen Müttern kleiner Kinder.

Kirsten R.

Quelle: VAMV Landesverband Berlin e.V., Infoheft 2/2010, Schöner arbeiten