Ich genieße meine Unabhängigkeit

Thema: Alltag
Ich genieße meine Unabhängigkeit

Seit zwei Jahren bin ich allein erziehende Mutter eines elfjährigen Sohnes und einer siebenjährigen Tochter – und mittlerweile fühle ich mich als Alleinerziehende durchaus wohl. Die Trennung von meinem Mann vollzog sich sozusagen „in Raten“. Meinen Ex-Mann habe ich 1991 im zarten Alter von 17 kennen gelernt, 1998 haben wir schließlich geheiratet. Nach sechs Jahren Ehe und 13 Jahren Beziehung waren wir eigentlich kein Paar mehr, wir funktionierten aber noch als Familie. Nach vielen Gesprächen und langen Überlegungen habe ich mich schließlich von meinem Mann getrennt. Ich habe dann mein während der Schwangerschaft unterbrochenes Diplom-Pädagogik-Studium wieder aufgenommen, erfolgreich beendet und einen anspruchsvollen Job gefunden.
Wir haben es nach einer längeren Trennungsphase noch einmal miteinander versucht und auch eine Paartherapie gemacht, mussten jedoch nach einigen Monaten einsehen, dass unsere Ehe trotz aller Bemührungen nicht funktioniert. 2007 haben wir uns dann endgültig getrennt.

Stressiger Alltag, trotz guter Umgangsregelung

Unser Verhältnis hat sich nach der Trennung eher verbessert, da wir mit dem Abstand jetzt  besser miteinander reden können. Auch wenn es hin und wieder stressige Situationen gibt, haben wir doch eine gute Regelung gerade in Bezug auf die Kinder gefunden. Wir wollten beide nie eine "alle zwei Wochen-Wochenend-Papa-Besuch-Regelung" und haben uns nach dem ersten sehr schwierigen Jahr schließlich darauf geeinigt, dass die Kinder jede Woche von Samstagnachmittag bis Donnerstagmorgen bei mir, und von Donnerstagnachmittag bis Samstagnachmittag bei ihrem Vater sind. Wir wohnen im selben Stadtteil "um die Ecke", Grundschule und Gymnasium liegen in der Mitte. Die Kinder können also auch alleine vom einen zum anderen laufen. Braucht einer mal ein freies Wochenende oder möchte abends ausgehen, dann bekommen wir das mittlerweile sehr gut geregelt. Auch finanziell bin ich sicher eher privilegiert. Kindesunterhalt hat der Vater immer ohne Einschränkung bereitwillig gezahlt, dafür habe ich immer für meinen Lebensunterhalt und den der Kinder gesorgt. Zudem teilen wir uns ein Auto.
Die Organisation des Alltags, auch der Kinder,  liegt nach wie vor in der Hauptsache bei mir. Das bedeutet für mich neben dem Vollzeitjob oft einen großen Spagat, der mich manchmal auffrisst.

Klischeebild Alleinerziehende

Obwohl ich  im Grunde sehr zufrieden damit bin, mit meinen Kindern alleine zu leben, habe ich auch das Bedürfnis nach jemandem, der für mich da ist und bei dem auch ich mal loslassen kann. Vor einiger Zeit hatte ich mich versuchsweise gemeinsam mit einer Freundin bei Paarship angemeldet. Ich: Pädagogin, alleinerziehend, zwei Kinder. Sie: Kunsthistorikerin, Single, keine Kinder. Innerhalb von einem Tage hatte sie einige E-Mail-Anfragen im Posteingang, ich dagegen kaum eine (und die, die kamen, waren indiskutabel). Ich ergriff die Initiative und schrieb einem Mann, dessen Profil mich  ansprach. Zurück kam die Antwort "Ich glaube wir passen nicht zusammen", ohne dass er auch nur eine Zeile mit mir gewechselt hätte. Meine Freundin hingegen schien es ihm angetan zu haben, denn kurz darauf fand ein Treffen zwischen den beiden statt. Einige Zeit später war ich zufällig dabei, als meine Freundin mit besagtem Mann telefonierte. Sie drückte mir spontan den Hörer in die Hand und „zwang“ uns miteinander zu sprechen. Das Gespräch war zu seiner Überraschung sehr amüsant. Er musste zugeben, dass er bei "alleinerziehend und auch noch Pädagogin" ein gewisses Klischeebild vor Augen hatte und es war ihm sichtlich peinlich. Dieses Erlebnis deckt sich mit meiner Erfahrung, dass ich als Alleinerziehende häufig als „bedauernswert“ angesehen werde. Viele Männer haben wohl Angst, in die Verpflichtung genommen zu werden, so als suche ich in der Hauptsache  einen Papa für meine Kinder und einen Ernährer für die Familie. Ich selbst bin seit der Trennung in Bezug auf Männer kompromissloser geworden. Ich habe festgestellt, dass ich mein Leben und das meiner Kinder gut alleine managen kann. Ein neuer Mann an meiner Seite soll nicht nur ein Teil eines „guten Teams“ sein. Ich wünsche mir einen Partner, der mich und meine Kinder akzeptiert, mir aber meine Freiräume lässt. Gemeinsame Interessen sind mir wichtiger als der gemeinsame Alltag. Das Genießen von Zweisamkeit und der Austausch über Kultur und andere Themen haben für mich einen hohen Stellenwert. Ich kann mir gut vorstellen mit jemandem zusammen zu sein, ohne unbedingt mit ihm zusammen zu wohnen.

Mehr Energie und Entspannung

Meine Entscheidung für die Trennung  bereue ich nicht. Es ist gut, sein eigener Herr (seine eigene Frau) zu sein und eine gewisse Unabhängigkeit möchte ich nicht missen. Nach der Trennung habe ich eine Energie entwickeln können, die vorher irgendwie absorbiert wurde. Früher hatte ich oft das Gefühl, zwei kleine Kinder und einen Mann an einem schweren Schlitten hinter mir her zu ziehen. Auch für die Kinder ist die Situation viel entspannter, weil sie nicht mehr unter der Frustration in der Beziehung ihrer Eltern leiden müssen, sondern uns beide mehr als eigenständige Persönlichkeiten erleben. Mein Gefühlsleben schwankt heute zwischen Stabilität und Instabilität, zwischen Selbstbewusstsein und Zweifel. Ich kann mich (noch?) nicht fest binden und wünsche es mir bisweilen doch. Aber manchmal  wache ich auch auf und denke - die 1,60 m Bett und der Morgen gehören nur mir!

Svenja R.