Meine Tochter zieht aus

Meine Tochter zieht aus

Letzte Woche ist meine Große ausgezogen. Zwölf Umzugskartons, eine Unmenge an Klamotten, ein paar Möbel und Mamas aussortierte Küchenware. Das Ende eines 20 Jahre dauernden Zusammenlebens, das mit allen Höhen und Tiefen gepflastert war, die es in einer Mutter-Tochter-Beziehung eben so gibt. Das Zimmer meiner Großen steht nun leer, wartet darauf, neu gestrichen und von der kleinen Schwester bezogen zu werden. Immer wenn ich an der geöffneten Tür vorbeilaufe, die den Blick freigibt auf Stapel zurückgelassener Zeitschriften, auf Erinnerungsstücke aus der Kindheit und abgehängte Bilder, dann erinnere ich mich daran, wie grauenhaft ich mir einst diesen Tag ausgemalt habe, an dem mein "Küken" aus dem Nest springt. Ob ich sehr traurig sei, werde ich von allen Seiten gefragt. Und fast fühle ich mich ein wenig schuldig, wenn ich erzähle, dass es sich gut anfühlt, mein Kind nun auf eigenen Füßen zu wissen. Es wurde Zeit. Gerade, weil wir ein so enges Verhältnis haben und uns näher stehen, als es Mutter und Tochter manchmal gut tut. Distanz schafft Nähe, und irgendwann ist diese Distanz notwendig, um eine Beziehung auf Augenhöhe zu gestalten. Meistens sehen mich diejenigen, die gerade noch um mein Seelenheil besorgt waren, zweifelnd an. Keine Trauer? Kein Abschiedsschmerz? Völlige Abgeklärtheit? Ist denn das normal...?

Vielleicht ist es mit dem Loslassen der Kinder wie mit einem biologischen Zyklus. Man wächst einfach von ganz alleine hinein, und wenn die Zeit reif ist, freut man sich auf das Neue und Unbekannte. Neu ist nicht nur, dass ich nun eine Studentin zur Tochter habe, die neuerdings über ihre ersten WG-Probleme lamentiert. Neu ist auch die satte Gewissheit, ganz alleine gute Arbeit geleistet zu haben und zumindest schon mal eine der beiden Töchter zu einem mündigen, lebenstauglichen Menschen erzogen zu haben. Neu ist aber, dass ich weniger lache, die täglichen Albernheiten, die so oft halfen, den Alltagstrott zu verdauen, beschränken sich nun auf die Zeit der abendlichen Telefonate. Neu ist aber auch, dass nicht länger überall in der Wohnung schmutzige Wäsche herumfliegt, die Schränke sämtlicher Türen offenstehen und der Tank meines Auto ständig leer gefahren ist. Neu ist, dass meine kleine Tochter nun die volle Aufmerksamkeit genießt - und ich die ihre.

Eines Tages werde ich ein weiteres Mal vor dem geöffneten Schlund eines leer geräumten Zimmers stehen. Ein zweites und letztes Mal. Dann wird es für mich noch viel mehr Neues geben, zum Beispiel die Erfahrung, alleine zu leben. Ohne meine Kinder. Ohne diese Geschöpfe, die mir so unendlich viel bedeuten. Noch fühlt sich diese Gewissheit fremd an, hinterlässt Unwohlsein und Furcht. Gleichzeitig aber ist da die Hoffnung, dass auch dieser Abschied in mir heranreift wie eine Frucht, die in rund zehn Jahren einfach gepflückt und verspeist werden will. Und gewiss wächst parallel dazu auch die Lust und Freude auf die Zeit danach, auf einen neuen Lebensabschnitt, auf das Abenteuer nach dem Alleinerziehenden-Dasein.

Heike N.


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