Organisationstalent für Kind und Beruf als Tänzerin

Organisationstalent für Kind und Beruf als Tänzerin

Der Mensch ist manchmal zu unglaublichen Dingen in Extremsituationen fähig und kann sich an alles gewöhnen - so ist es auch bei mir. Seit 2005 bin ich alleinerziehende Mutter einer 5jährigen Tochter. Von Beruf bin ich Tänzerin und Tanzdozentin. Gemeinsam mit meiner Freundin habe ich eine Dance Company gegründet. Wir erarbeiten Choreographien und entwickeln komplette Tanzshows für Theater, Musicals, Opernhäuser und Firmen. Da ich häufig auf der Bühne stehen muss, zudem Unterricht gebe und wegen der Tanzshows oft erst spät nach Hause komme, ist es nicht immer leicht für mich, den Wünschen und Bedürfnisse meiner Tochter gerecht zu werden.

Mit Milchpumpe zu Tanzshow

Als meine Tochter geboren wurde, lebte ich noch mit ihrem Vater zusammen. Die Trennung zeichnete sich zwar schon während der Schwangerschaft ab, aber wenn ein Kind mit im Spiel ist, wägt man alles lieber noch mal und noch mal ab und entscheidet sich nicht leichtsinnig. Mein damaliger Freund war HartzIV-Empfänger, also musste ich das Geld für uns verdienen. Daher bin ich bis zum letzten Tag vor der Geburt unterrichten gegangen, habe zwei Wochen nach der Geburt wieder angefangen und nach vier Wochen hatte ich meine ersten sechs Shows am Stück, mit Milchpumpe und Tiefkühltasche. Er hat hingegen zu Hause gesessen und Playstation gespielt anstatt sich um Arbeit zu bemühen. Und wenn unsere Tochter nachts nicht schlafen wollte - wer ist dann aufgestanden…? Irgendwann habe ich nicht mehr eingesehen, ein zweites „großes Kind“ mit durchzufüttern und habe unsere Sachen gepackt. Da war die Kleine ein Jahr alt. Es war bis heute die beste Entscheidung meines Lebens.

Die Vater-Tochter-Treffen werden immer seltener

Die Umgangsregelung hat sich von Anfang an sehr schwierig gestaltet, da er sich in seinem Männerstolz verletzt sah. Er lebte zunächst noch in unserem Wohnort und so konnte er die Kleine an zwei Tagen nehmen, an denen ich bis 22 Uhr unterrichten musste. Dann ist er in eine andere Gegend gezogen und es war erstmal Funkstille. Eine Weile haben wir es mit der typischen „Jedes-2.-Wochenende-Regelung“ versucht, was aber immer nur für einen gewissen Zeitraum gut ging. Mir war immer wichtig, dass die Kleine ihren Vater sieht, das ist schließlich ihr Recht. Daher habe ich ihm jedes mal verziehen, wenn er sich nicht an die Abmachungen hielt. Die Initiative ging meistens von mir aus und ich musste die Treffen arrangieren. Ich bin die letzten zwei Jahre sogar regelmäßig zwei Stunden mit dem Auto in seinen neuen Wohnort gefahren, um sie zu ihm zu bringen. Im Moment werden die Abstände zwischen den Besuchen wieder größer und es pendelt sich auf ein vierteljährliches Treffen für zwei bis vier Stunden ein. Trotzdem behauptet er immer „wir“ hätten das gut hinbekommen mit ihr und er sei ein toller Vater. Dabei zahlt er noch nicht mal Unterhalt.

Schwer zu vereinbaren: Tänzerin und alleinerziehende Mutter

Auf die Idee eine Dance Company zu gründen kam ich schon während des Studiums und als wir unseren ersten Auftrag, eine große Modenschau, in der Tasche hatten, ging es plötzlich richtig los. Wir stellten uns professioneller auf und konnten schnell einige Kunden akquirieren. Natürlich mussten wir auch ein paar Misserfolge verbuchen, aber das bringt Erfahrung und schult das Durchhaltevermögen. Dieses Durchhaltevermögen kann ich gut gebrauchen, wenn es darum geht das Leben von meiner Tochter und mir zu managen. Es verlangt ein unglaubliches Organisationstalent, mein Kind, meinen Job und vielleicht noch etwas Privatleben unter einen Hut zu kriegen. Zum Glück habe ich meine Eltern, die nehmen meine Tochter, wenn ich arbeiten muss. Fakt ist, wären meine Eltern nicht  für uns da, könnte ich meinen Beruf nicht auf diese Art und Weise ausüben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich weiß auch, dass ich in gewisser Weise von ihnen abhängig bin und ich ihnen viel zumute. Sie sind nicht mehr nur Oma und Opa, sondern haben auch die Erziehung mitzutragen. Für mich ist am stressigsten, dass ich nach einer langen Eventnacht, nicht ausschlafen kann, sondern direkt wieder den Wecker stellen muss, um meine Tochter morgens abzuholen. Ich habe seit fünf Jahren chronischen Schlafmangel. Privatleben habe ich wenig bis gar nicht. Ich kann nur sehr selten ausgehen, mich mit Freunden treffen, ins Kino, etc., da ich meinen Eltern nicht auch noch das zumuten will. Deswegen bin ich abends oft allein. Kind im Bett und dann? Dann kommen die melancholischen Momente. Mir ist zwar nie langweilig, ich hätte aber schon gerne manchmal jemanden, um diese Zeit zu teilen. Ich habe im Laufe der Jahre festgestellt, dass es sehr schwer ist, einen Partner zu finden, der mein Kind akzeptiert und dazu noch meinen Beruf mit den unmöglichen Arbeitszeiten.

Meine Zukunftspläne sollen sich nach meiner Tochter richten

Für die Zukunft habe ich Pläne: Ich bin gerade dabei, mich über eine weitere Ausbildung zu informieren, möchte noch gern etwas anderes machen. Mir schwebt eine Heilpraktikerausbildung vor. Die Arbeitszeiten als Tänzerin sind schon extrem belastend und der Spaß, auf der Bühne zu stehen, wird auch weniger. Man wird ja auch nicht jünger. Wenn meine Tochter nächstes Jahr in die Schule kommt, muss ich versuchen, meinen täglichen Zeitplan danach auszurichten.  Das zu organisieren, ist die nächste Herausforderung für mich. Aber auch das wird sich lösen lassen! Wie alles bisher.

Sindy C.

Foto: Fred de Groot