Eine vernünftige Arbeit fördert das Selbstbewusstsein

Eine vernünftige Arbeit fördert das Selbstbewusstsein

Ich lebe mit meinen beiden nun elf- und neunjährigen Söhnen seit siebeneinhalb Jahren allein. Ich hatte höllische Angst davor, deshalb bin ich länger beim Vater meiner Söhne geblieben, als eigentlich gut war. Die Kinder waren klein, anderthalb und vier Jahre alt. Aber unsere Beziehung funktionierte nicht mehr, und irgendwann war es die bessere Alternative, allein zu leben. In der ersten Zeit bedeutete das für mich Entbehrung, Stress und Einsamkeit. Doch die Entscheidung habe ich nicht bereut.

Am Anfang fiel es mir schwer, niemanden zu haben, der Verantwortung mit trägt oder am Abend einfach da ist, um die Ereignisse des Tages zu besprechen. Dazu die 24-Stunden-Bereitschaft, die kleine Kinder erfordern – selbst die Frage „Wer nimmt die Kinder mal für eineinhalb Stunden, wenn ich einkaufen gehe?“, wurde zum Problem.

Die finanzielle Lage machte die Sache nicht einfacher: Da mein Ex-Mann auch nicht viel hatte, mussten ich und meine beiden Söhne von dem bescheidenen Trennungsunterhalt und Sozialhilfe leben. Irgendwann bekam ich dann Hartz IV und konnte die Wohnung nicht mehr halten. Nach einigen Umzügen landete ich in meiner jetzigen 68-Quadratmeter-Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Ich hatte sie mir so ausgesucht, dass eine Mietübernahme durch das Sozialamt gesichert war, solange ich nicht genug verdiente. Unsere Wohnung ist klein: Zwei Zimmer, eine Kammer. Damit mein pubertierender elfjähriger Sohn ein eigenes Reich hat, bin ich ins Wohnzimmer gezogen. Das Bett meines neunjährigen Sohnes passt gerade in die Kammer. Es ist eng bei uns, aber wir kommen klar.

Noch nie gemeinsam im Urlaub

Seit Jahren leben wir am Existenzminimum. Meine Großeltern helfen mit Kleidung, auch unter meinen Freunden werden gebrauchte Sachen weitergegeben. Und dann gibt es auch noch Ebay. Noch machen die Kinder das mit. Auch ich selbst habe mich von vielem verabschiedet: Statussymbole bedeuten mir nichts, ich kleide mich leger in Jeans und Turnschuhen, fahre Rad, lasse im Haushalt auch mal Fünfe gerade sein, erziehe die Kinder zur Selbstständigkeit. Einen richtigen gemeinsamen Urlaub haben wir drei noch nie gemacht.

Ich habe zwar eine Ausbildung als Heilpraktikerin abgeschlossen, aber davon konnte ich noch nicht leben. Dafür muss der Laden erst mal laufen, und das ist mit zwei kleinen Kindern nebenbei nicht hinzukriegen. Also habe ich immer wieder Mini-Jobs angenommen. Die Jobs in Callcentern waren besonders schwer zu ertragen. Man arbeitet dort ständig am Rande der Legalität und wird trotzdem von den Jobcentern dahin geschickt. Der Druck ist enorm. Es gibt für Mütter kleiner Kinder einfach zu wenige anständig bezahlte, flexible Teilzeitjobs, die zu ihren Lebenssituationen passen.

Eine vernünftige Arbeit fördert das Selbstbewusstsein

Seit einem Jahr habe ich einen Zeitvertrag beim Landesverband alleinerziehender Mütter und Väter Berlin. Dort koordiniere ich das Projekt für flexible Kinderbetreuung außerhalb der Kitazeiten. Viel mehr Geld als vorher habe ich damit nicht, aber dafür hängt mir das Jobcenter nicht ständig im Nacken.

Außerdem habe ich festgestellt, dass eine vernünftige Arbeit ein ganz anderes Selbstbewusstsein mit sich bringt. Es ist einfach gut zu wissen, dass man etwas kann. Hartz IV ist ein negatives Etikett, das einem anhaftet – dem kann man sich schwer entziehen. Es wird zu wenig anerkannt, was Kindererziehung eigentlich an Zeit- und Energieaufwand bedeutet. Es darf eigentlich nicht sein, dass jemand, der „nur“ Kinder erzieht, von Hartz IV leben muss.

Zum Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) bin ich gleich nach der Trennung gestoßen. Ich habe ehrenamtlich beim sonntäglichen Frühstückstreff mitgeholfen und auch Vorstandsarbeit geleistet. Ohne die Frühstückstreffs wäre ich am Anfang untergegangen. Man knüpft Kontakte zu anderen Alleinerziehenden und sieht, dass man in der Situation nicht allein ist. Außerdem kann man politisch aktiv sein.

Ein Bandscheibenvorfall als Signal

Inzwischen habe ich mir Nischen geschaffen, gelernt, die Notbremse zu ziehen und auch mal zu entspannen. Das hat lange gedauert, und ich arbeite immer noch dran. Manchmal zwingt einen der Körper zu Pausen. Ich hatte einen Bandscheibenvorfall – ein klassisches Zeichen für Überlastung. Nun muss ich etwas tun. Ich nutze das kinderfreie Wochenende ganz intensiv für mich, ignoriere den Haushalt und gehe mit einem Freund wandern. Ich bin auch bei einer Freundin im Schrebergarten eingestiegen.

Mittlerweile bin ich zufrieden mit meinem Leben. Ich hoffe, diese Kraft zu behalten, auch wenn meine Stelle ausläuft. Es gab Zeiten, da habe ich sehr gelitten – jetzt finde ich es nicht mehr schlimm. In das traditionelle Bild passe ich nicht mehr. Aber ich genieße das Leben mit meinen Kindern, muss keinen Mann versorgen und niemanden etwas beweisen.

Stephanie L.