"Die Ehe ist der Kern der Familie"

Thema: Politik

Wir haben das Jahr 2009 und das Zitat ist von Angela Merkel anlässlich des Bundestagwahlkampfs. Die Scheidungsquote beträgt in den Städten 50 Prozent, die Zahl der Eheschließungen sinkt von Jahr zu Jahr, es gibt 43 Prozent kinderlose Ehepaare, 20 Prozent aller Kinder werden außerhalb einer Ehe geboren und der Staat pumpt jährlich rund 20 Milliarden Euro in die Steuerentlastung von Ehepaaren, egal ob sie Kinder haben oder nicht. Insgesamt kosten ehebezogene Maßnahmen wie z.B. die beitragsfreie Mitversicherung der Ehegatten, Witwenrenten und das Ehegattensplitting im Jahr 77 Milliarden Euro. Familienbezogene Maßnahmen, von den auch die Ehepaare mit Kindern, die bereits mit ehebezogenen Maßnahmen entlastet wurden, kosten im Jahr 112 Milliarden Euro; dazu gehören z.B. das Kindergeld, die Kinderfreibeträge, das Elterngeld, der Kinderzuschlag, Zuschüsse zur Kinderbetreuung usw..

Trotz dieser scheinbar sehr teuren "Maßnahmen" beträgt das Armutsrisiko von Kindern in Deutschland rund 17 Prozent. In konkreten Zahlen ausgedrückt: 2,36 Millionen Kinder und Jugendliche leben in so genannten prekären wirtschaftlichen Verhältnissen. In den Haushalten mit zwei Kindern sind die Kinder von Alleinerziehenden zu 41,3 Prozent arm, die Kinder von Ehepaaren sind zu 9,5 Prozent arm.

Zahlen kann man auslegen und interpretieren. Eine derart große Lücke in der Förderung der Ehe und der Nichtförderung von Alleinerziehenden zu erklären, wird in der Politik aber eindeutig mit dem Vorrang der Ehe gerechtfertigt. Wie ja auch das Zitat von Angela Merkel zeigt. Sie und ihre Partei halten die Ehe für den Kern der Familie, nicht etwa die Kinder. Die Zeiten, in der öffentlich debattiert wurde, ob eine Ehe gleich auch eine Familie ist, sind vorbei. In den letzten Jahren hat sich die Auffassung „Familie ist wo Kinder sind“ durchgesetzt. Die CDU scheint sich von diesem sozialdemokratischen Ausspruch wieder zu distanzieren – die SPD aber genauso, denn auch sie will an der Eheförderung festhalten.

Ideologisch ist es natürlich legitim, an der Subventionierung der Ehe festzuhalten. Leider hält diese Politik keinen modernen Standards von Gleichberechtigung und Chancengleichheit stand. Die Bevorzugung einer Lebensform vor der anderen kann zwar ideologisch gewollt sein, wirkt sich langfristig aber nicht unbedingt zum Vorteil der bevorzugten Lebensform aus. Denn, obwohl alle Regierungen der letzten 50 Jahre die Ehe überproportional gefördert haben, geht die Zahl der Eheschließungen zurück bei gleichzeitigem Anstieg der Scheidungszahlen. Die „alternativen“ Lebensformen nehmen im Vergleich zu. Trotzdem hält die Politik wie ein trotziges Kind an diesen Instrumenten fest.

"Deutschland ist heute ein kinder- und familienfreundliches Land". So steht es im Regierungsprogramm der CDU. Das ist ein gezielter Schlag ins Gesicht der über 1 Million armen Kinder und ihrer Eltern, die aus welchen Gründen auch immer nicht mehr, noch nicht oder grundsätzlich nicht verheiratet sind.