Die verratene Generation

Die verratene Generation

Nicht rosig sind die Aussichten von Frauen der sogenannten Babyboomer-Generation in Hinblick auf ihre zukünftigen Alterseinkommen: ihre Renten werden klein sein, sehr klein. Ein Drittel der zwischen 1958 und 1968 geborenen Frauen wird eine Rente von maximal 600 Euro bekommen, das sind zwei Millionen Frauen. Die Männer, von denen sie zum Teil längst geschieden sind, werden hingegen gut dastehen.

Deshalb nicht resignieren sondern verstehen, wie es dazu kommen konnte, wollen die Autorinnen Kristina Vaillant und Christina Bylow. Wieso werden Frauen trotz ihres Aufholens in der Bildung mit so wenig Rente abgespeist werden? In ihrem nun erschienenen Sachbuch mit dem einprägsamen Titel „Die verratene Generation“ belegen sie fundiert und sehr gut recherchiert ihre Antworten und Thesen. Leicht lesbar und erhellend sind ihre Kapitel zu Geld, Armut, Liebe und Körperbildern sowie Vereinbarkeit von Pflege und Arbeitsmarkt.

Das ungerechte Renten- und Steuersystem, die mangelnde Betreuung als die Kinder klein waren und die Diskriminierung von Frauen, die älter als vierzig sind - das sind  laut den Autorinnen die wesentlichen Ursachen für die bevorstehende weibliche Altersarmut.

Den Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen der 60er wurde viel versprochen: sichere Jobs und Karrieren durch Bildung, eigenes Geld und wenn gewünscht, Sicherheit durch die Ehe. Es zeigt sich, dass diese Versprechen sich nicht erfüllt haben. Nicht wenige Frauen, so die Autorinnen, seien durch Teilzeit und Ehegattensplitting in die Falle gelockt worden: Das Unterhaltsrecht versagt Ihnen nach einer Scheidung dann die ehemals versprochene Absicherung. Die, die es wagten, ihren Ehemann zu verlassen, sind nun die Gekniffenen. Das wäre nur halb so schlimm gewesen, wenn es ausreichend Kinderbetreuung gegeben hätte und geben würde, damit diese Frauen wenigstens eine realistische Chance hätten, mit eigener Erwerbstätigkeit eine auskömmliches Einkommen und davon abgeleitet eine Rente über Grundsicherungsniveau zu erarbeiten. Zu Recht werden die Hindernisse für eine eigenständige Existenzsicherung von den Autorinnen als das bezeichnet was sie sind: Zumutungen. Der Staat löst seine Versprechen nicht ein und lasse eine ganze Generation von Frauen einfach im Stich.

Kritisch bewertet wird von den Autorinnen die Rolle des neueren Feminismus, der die großen sozialen Fragen vernachlässigt habe, weil er auf Identitätspolitik statt auf (Frauen-)Solidarität setze. Schließlich ist es den Autorinnen ein Anliegen, dass Frauen sich nicht selbst beschuldigen, sondern strukturelle Ursachen erkennen, sich gemeinsam empören und sich für eine Zukunft in Würde engagieren.

Christina Bylow, Kristina Vaillant, Die verratene Generation. Was wir den Frauen in der Lebensmitte zumuten. Pattloch Verlag, München, 2014, 256 Seiten, 16,99 Euro 

Antje Asmus, Berlin