Schamlos. Grenzenlos. Machtlos?

Thema: Medien

Prominente diskutieren im Schau-hin-Forum über die Verantwortung von Medien und Eltern und fordern  mehr Medienkompetenz und bessere Schutzmechanismen im Netz.

Das Autogramm hat ausgedient. In Zeiten von Facebook, Twitter und Co. greifen junge Leute heute lieber zur Handykamera, lichten sich im besten Falle gemeinsam mit dem Idol ab und schicken die Bilder in die schier endlos scheinende virtuelle Welt. Schilderungen eines Mannes, der weiß, wovon er spricht. Der TV-Moderator und Familienvater Kai Pflaume führte durch das erste "Schau Hin!"-Forum der gleichnamigen Initiative von Bundesfamilienministerium, den Öffentlich-Rechtlichen, Vodafone und der Zeitschrift TV-Spielfilm, und brachte einen Teil der Problematik auf den Punkt: Es ist nicht mehr allein das Interesse an den Prominenten, das die jungen Leute antreibt, sondern das Scheinwerferlicht, in das sie selbst drängen, der unbändige Schrei nach Aufmerksamkeit. "Star oder Opfer? Welches Medienbild vermitteln Medien unseren Kindern?", so lautete denn auch das Thema einer der prominent besetzten Diskussionsrunden. Über 150 Fachleute aus Medien, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft setzten sich in Berlin mit der Rolle von Medien und Eltern auseinander und gaben Anstoß für eine gesellschaftliche Debatte, die längst überfällig scheint.

Trend zur Enttabuisierung

Bilder, in denen Verführung, Sexualisierung und Gewalt die bestimmenden Themen sind, halten nicht mehr nur Einzug in die Werbe-, sondern in die breite Medienwelt. Im Sog von Quoten, Klicks und Likes gehe die Qualität immer mehr verloren, kritisierte etwa  Filmregisseur Bernd Sahling, der zunehmend die Gegenseite zu Privat- und Boulevard-Fernsehen vermisst. Während private Sender in unterschiedlichen Formaten und Castings-Shows junge Leute zu Stars puschen, würden ihnen öffentlich-rechtliche Sender zunehmend eine seriöse Bühne bieten. Wieder andere, wie Script-Reality-Serien, zeigten überwiegend Stereotype eines bestimmten Milieus, sagte die Stuttgarter Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Petra Grimm. Jugendlichen falle es schwer, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden und hielten das Gezeigte für glaubhaft. Dadurch bestehe die Gefahr einer sozial-ethischen Desorientierung und einhergehend einer Entwicklungsbeeinträchtigung, kritisierte auch schon die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) in ihrem fünften Bericht. Zudem sei ein anhaltender Trend zur Enttabuisierung erkennbar. Die Gesellschaft habe sich zunehmend an Grenzüberschreitungen gewöhnt. Je weiter jedoch die Desensibilisierung fortschreitet, desto weiter verschieben sich die Grenzen, warnte Prof. Dr. Grimm. Eine besondere Gefahr berge dabei die virtuelle Welt. Während Fernsehsender jugendgefährdende Inhalte zumeist in den späten Abend- und Nachtstunden ausstrahlten, seien diese über Video-Text und im Internet rund um die Uhr verfügbar. Auch gewaltverherrlichende Computerspiele seien für Kinder zugänglich, da der Jugendschutz hier kaum greife.

Medienkompetenz gefragt

Um entsprechende Tools und Softwareprogramme nutzen zu können, braucht es eine hohe Medienkompetenz, die Eltern oft nicht haben. Die Diskussionsteilnehmer appellierten aber auch an die Eigenverantwortung der Medien, die sich eine Art Kodex auferlegen sollten. Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium, betonte, dass gesetzliche Initiativen notwendig seien, die die technischen Möglichkeiten nutzten, wie die Installation von Schutzprogrammen für das gesamte Netz. Daneben sei auch die Vermittlung von Medienkompetenzen sowohl bei Kindern, Eltern, aber auch den Lehrern unabdingbar. Sie sei der zentrale Schlüssel, damit Kinder und Jugendliche sich in der schnell veränderten Medienwelt zurecht fänden. In den vergangenen zehn Jahren ist der Anteil der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren, die über einen eigenen Internetzugang verfügen, von 34 Prozent auf 88 Prozent gestiegen. Mehr als zwei Drittel besitzen ein Smartphone, mit dem sie online sind. Um so wichtiger ist es, dass Eltern ihre Kinder kompetent begleiten  und die Nutzung der Medien im Blick haben. Die Initiative "Schau hin!" bietet dabei mit einer Hotline für Elternfragen, ihrer Website und App sowie kostenlosen Publikationen Hilfestellungen an. Auf www.schau-hin.info erhalten interessierte Eltern aktuelle Informationen, aber auch konkrete Tipps. Hier können etwa Fragen an einen qualifizierten Mediencoach gerichtet oder Beratungsstellen in der Nähe gesucht werden.

Solveig Schuster, Journalistin, stellvertretende Vorsitzende VAMV Bundesverband