SAG ES LAUT!

Kategorie: aus dem Leben

Die afroamerikanische Sängerin Dee Dee Bridgewater sagte in einer kürzlich auf Arte gesendeten Dokumentation über die Soulmusik und ihre Bedeutung für die schwarze Bürgerrechtsbewegung, sie habe ihre Initialzündung gefunden in James Browns „Say it loud, I'm black and I'm proud.“. - Mal abgesehen von der wichtigen Botschaft für die Black Community liegen zwei andere wichtige Aussagen für mich darin: Sag es LAUT! Und ICH! Niemand anderes!

2,7 Millionen Einelternfamilien gibt es hier inzwischen, Tendenz steigend. Alle, die ich kenne, sind tolle, selbstbestimmte Menschen. Stärker als viele andere, weil es ihnen wichtig war, sich für ein harmonisches Familienleben mit Kind auch gegen massive gesellschaftliche Konventionen zu stellen. Ich meine vor allem solche Alleinerziehende, die keine gemeinsame Sorge haben und/oder sich nicht auf den anderen Elternteil verlassen können, die leider oft nicht mehr mit ihm sprechen können, mit ihm nicht mehr klar kommen. Und die trotz aller finanzieller, gesellschaftlicher, arbeitsmarktpolitischer Schwierigkeiten entschieden haben, dass die Familie – in diesem Fall das Kind/die Kinder – so doch mit mehr Ruhe und Geborgenheit aufwächst.

Diese 2,7 Mio. sind eine Größe! Und natürlich kennen nur wir so richtig die komplexen Schwierigkeiten, die die verschiedenen, politisch vielleicht auch gut gemeinte Regelungen mit sich bringen. Es ist klar: Wir alle reden nicht so gerne über unser Alleinerziehendsein. Ich kann betroffene Blicke nicht mehr sehen. Ich fühl mich nicht „betroffen“. Ich will aber auch im Arbeitsleben nicht wie ein Anhängsel behandelt werden (fairerweise muss ich sagen, dass ich aber auch positive Erfahrungen gemacht habe, nur nicht so oft).

Vor allem aber will ich, dass man mir zuhört. Ein Schicksal, das ich vor allem mit Müttern allgemein teile. Irgendwie scheint das, was wir als Familienarbeiterinnen zu sagen haben, im politischen Prozess keine Bedeutung zu haben. Die Botschaften ändern sich nicht. Die Politik aber leider auch nicht. - Warum gibt es diese riesigen, teuren Programme zum Wiedereinstieg von Alleinerziehenden in den Beruf oder um ihnen – Eulen nach Athen! – beizubringen, wie sie sich nützliche Netzwerke schaffen. Networking und Multitasking – eine im Arbeitsleben hochgeschätzte Qualifikation, die das Alleinerziehendsein wie nichts anderes mit sich bringt.

Aber das alles kann nur funktionieren, wenn wir alles auch offen auf den Tisch legen. Wenn wir uns doch zumindest diese Zeit dafür in unserem direkten Umfeld nehmen. Fast die Hälfte im Transferbezug und alle um uns herum kennen die nicht? Alles bloß Bildungsferne und Prekariat? Und nein: Die allerwenigsten von uns möchten den anderen Elternteil vom Kind fernhalten. Denn schließlich erleben die, die mit den Kinder leben, unmittelbar die Sehnsucht und die Verklärung der Kinder und oft auch den Schmerz und die Enttäuschung, wenn es nicht kommt, wie erhofft. Wir wissen, WIE wichtig er/sie für das Kind ist, weil das Kind uns täglich dran erinnert.

Und jetzt noch mal zum Soul, zur Botschaft und der Wirkung: Die schwarze Bürgerrechtsbewegung hat die Masse ihrer Zugehörigen für Busstreiks genutzt, für friedliche Märsche. Die Soulmusik hat die Stimme erhoben und sich nach massiven Ausgrenzungen, Diskriminierungen unabhängig gemacht und mit Mowtown und Stax die bekanntesten und einflussreichsten Musiklabel überhaupt gegründet und sind damit aus dem erzwungenen Schatten ins Licht getreten.

Wir sind auch eine große, starke und damit gesellschaftlich relevante Gruppe. Warum also nicht von der schwarzen Bürgerrechtsbewegung inspirieren lassen, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung noch nicht alles, aber viel erreicht hat. Sag es LAUT! Ich bin wie ich bin und stolz darauf! Nicht WIR müssen anders werden, die Gesellschaft muss sich ändern.

Aber WIR müssen es sagen. LAUT! Weil nur wir es können!