Armut und Arbeitslosigkeit in Ein- und Zwei-Eltern-Familien

Prof. Dr. Holger Ziegler

„Alleinerziehend“ zu sein galt lange Zeit als ein „soziales Problem“. Obwohl die Ein-Eltern-Familie die Haushaltsform mit dem höchsten Armutsrisiko darstellen und mit einem erhöhten Ausmaß an Belastungen verbunden ist, argumentiert der Beitrag jedoch, dass das Fehlen einer zweiten Person bei Reproduktions- und Caretätigkeiten nicht per se als soziales Problem oder gar als Einschränkung eines guten Aufwachsens für Kinder gesehen werden kann.

Ein Hintergrund dieser gesellschaftlich-institutionellen Wahrnehmung war und ist die normative Idealisierung der (leiblichen) Zwei-Eltern-Familie. Während familiensoziologische Arbeiten nachzeichnen, dass Ein-Eltern-Familien auch Ausdruck eines Lebensentwurfs jenseits traditioneller Geschlechterrollen sein können, ist kaum zu bestreiten, dass der Familienstatus ‚Alleinerziehend’ vielen Institutionen immer noch als „Risikoindikator“ dient und Ein-Elternfamilien als besondere Problemgruppen wahrgenommen werden.

Alleinerziehende  mit ALG II haben häufiger Berufserfahrung

In einer kommunalen Studie in Bielefeld haben wir die Lebensführung(sprobleme) von Ein- und Zwei-Eltern-Familien verglichen. Hierzu haben wir 300 Ein- und Zwei-Eltern-Familien im ALG II Bezug untersucht (vgl. Ziegler et al. 2010). Die wesentlichen Unterschiede zwischen den Befragten bestanden zunächst darin, dass die Alleinerziehenden im ALG II Bezug praktisch ausschließlich Frauen waren. Allerdings hatten befragte Alleinerziehende seltener eine Einwanderungsgeschichte, seltener niedrige Schulabschlüsse und häufiger einen beruflichen Ausbildungsabschluss. Zumindest im Vergleich zu den Frauen in Zwei-Eltern-Familien hatten die Alleinerziehenden häufiger Berufserfahrungen und waren zum Zeitpunkt der Befragung häufiger erwerbstätig trotz ALG II Bezug. In Ein-Eltern-Familien fanden sich im Durchschnitt weniger (1,58 vs. 2,25) und jüngere Kinder. Das Alter der Kinder der Ein-Eltern-Familien im ALG II Bezug ist einer von vielen Hinweisen darauf, dass das Problem der Arbeitslosigkeit für Ein-Eltern-Familien insbesondere dann virulent ist, wenn die Kinder noch klein sind und entsprechend flexible Betreuungsnotwendigkeiten bestehen. Dennoch sprechen unsere Daten insgesamt dafür, dass sich die (häufig geschlechtsspezifisch unterschiedlichen) Effekte von eingeschränkten sozio-ökonomischen Lebenslagen überwiegend nicht zwischen Ein- und Zwei-Eltern-Familien unterscheiden.

Netwerke können moralisch fordernd sein

So finden sich kaum Unterschiede mit Blick auf die Einbindung in emotional und alltagspraktisch unterstützende Netzwerke. Die Befragten konnten in der Regel auf informelle (häufig familiale) Netzwerke zur alltagspraktischen Unterstützung zurückgreifen Bezüglich dieser Netzwerke wurde aber auch deutlich, dass die informellen Unterstützungen zwar emotional Halt gebend und im alltäglichen Auskommen entlastend sein können, aber häufig keine Unterstützungen darstellen, die die Situation der Betroffenen nachhaltig verbessern. Hinzukommt dass informelle Netzwerke auf Geben und Nehmen ausgerichtet sind und dabei moralisch durchaus fordernd sein können. Wer wenig hat, dass er oder sie in ein informelles Netzwerk einbringen kann, hat wenig von den Netzwerken zu erwarten.

Das mittlerweile häufig diskutierte Gefühl, nicht mehr „zur Gesellschaft“ zu gehören, fand sich bei den Befragten kaum. Die Befragten waren – insbesondere die Alleinerziehenden – in einem hohen Ausmaß davon überzeugt, ihr alltägliches Leben selbst in der Hand zu haben und Probleme meistern zu können. Dies ist das Gegenteil jener Form der Resignation, die der vermeintlichen neuen Unterschicht häufig unterstellt wird.

Bei den Kindern wird nicht gespart

In der Lebenspraxis der Befragten spielen Entbehrungen eine große Rolle. Im Umgang mit materieller Knappheit müssen zwei Drittel der Befragten auf unterschiedliche Strategien zurückgreifen, die mit Einschränkungen und Verzicht einhergehen. Auffällig ist jedoch, dass die Befragten nahezu ausnahmslos bei den Bedürfnissen ihrer Kinder nicht sparen. Das materielle Problem ist bei Zwei-Eltern-Familien nicht grundlegend anders als bei Ein-Eltern-Familien. Zwar sind Ein-Eltern-Familien häufiger auf Transferleistungen angewiesen als Zwei-Eltern-Familien, jedoch schätzen Alleinerziehende in unserer Untersuchung, die sich nur auf Familien im ALG Bezug bezog, ihre materielle Situation geringfügig besser ein, als Befragte aus Zwei-Eltern-Familien. D.h. nun nicht, dass die materielle Situation der Ein-Eltern-Familien befriedigend wäre. Bei ihnen war im arithmetischen Mittel „nur“ in jedem zweiten Monat das Geld vor der nächsten Geldzahlung vollständig aufgebraucht.
Mit Blick auf das Familienleben zeigen unsere Befunde, dass Alleinerziehende tendenziell ein egalitäreres und weniger konservatives Mutter- und Familienbild vertreten als die anderen Befragten. Auch der Möglichkeit einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird in Ein-Eltern-Familien eine höhere Bedeutung zugewiesen.

Folgen einer Trennung lassen bei Kindern nach

Neben den Auswirkungen von sozialen Klassenlagen auf die Entwicklung von Kindern verweisen Studien darauf, dass sich Elternkonflikte negativ auf die Situation von Kindern auswirken, die Folgen einer Trennung jedoch mittelfristig nachlassen bzw. verschwinden. Unter ansonsten gleichen Bedingungen finden sich z.B. im Grundschul- und Jugendalter kaum Unterschiede in den Auffälligkeiten und Entwicklungschancen von Kindern aus Ein- oder Zwei-Elternfamilien. Bemerkenswert erscheint jedoch, dass Problembelastungen von Kindern in Ein-Eltern-Familien häufiger als in Zwei-Eltern-Familien im Falle von Arbeitslosigkeit als Hindernis für die Aufnahme einer Arbeit erfahren werden. Die Bereitschaft zur Erwerbsarbeit war jedoch in Ein-Eltern-Familien nicht geringer als von Befragten in Zwei-Elternfamilien. Dieser Befund korrespondiert auch mit Daten der Arbeitsmarktstatistik, demzufolge z.B. der Anteil an alleinerziehenden Müttern, die Vollzeit arbeiten, höher ist als der Anteil an Müttern in Zwei-Eltern-Familien, die Vollzeit arbeiten. Gleichwohl berichteten die arbeitslosen Alleinerziehenden in unserer Studie von weniger Vermittlungsangeboten durch der kommunalen Arbeitsagenturen als der Durchschnitt der Befragten.

Alleinerziehende erhalten weniger Vermittlungsvorschläge

Bemerkenswert ist dabei ferner der Befund, dass die Vermittlungsvorschläge in Arbeit häufig nicht als hilfreich erfahren werden. Tatsächlich werden Umschulungen oder Bewerbungskostenzuschüsse von denen, die diese erhalten haben, insgesamt als hilfreicher eingeschätzt. Vor diesem Hintergrund scheint der sehr starke Fokus, der in arbeitsmarktpolitischen Kontexten auf Vermittlung gelegt wird, zumindest solange nicht zielführend zu sein, wie die Vermittlungsvorschläge die Lebensrealitäten der Betroffenen nicht angemessen berücksichtigen. Hinzu kommt, dass der Kontakt zu Arbeitsagenturen von einem nicht unerheblichen Teil der Befragten durch die Erfahrung geprägt war, bevormundet und unter Druck gesetzt zu werden und weniger als hilfreich. Um ein sinnvolle und nachhaltige Unterstützung und Förderung der Betroffenen zu etablieren wäre es allemal notwendig, dass sich auch die Arbeitsagenturen über den engen Fokus auf Arbeitsmarktintegration hinaus auf die Schaffung praktisch zugänglicher Infrastrukturen (und ökonomischer Entlastungen) richten und dabei die gesamten Lebensaussichten der Betroffenen in den Blick nehmen. In dem Ausmaß wie die Arbeitsagenturen jedoch als bedrohliche Kontrollbehörden auftreten, stellen sie selbst eher einen Belastungsfaktor in der alltäglichen Lebensführung als Institution der Förderung und Unterstützung dar. Auch dies gilt gleichermaßen für Ein- und Zwei-Elternfamilien.

Ziegler, H./Seelmeyer, U./Otto, H.-U. (2010): Arbeitslos mit Kindern. Bewältigungsstrategien und institutionelle Unterstützung. Bielefeld
Ziegler, H. (2011): Auswirkungen von Alleinerziehung auf Kinder in prekärer
Lage. Bielefeld.

Zum Autor: Prof. Dr. Holger Ziegler, Erziehungswissenschaftler mit dem Schwerpunkt Sozialpädaggogik, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld