Ab in die soziale Hängematte!

Ab in die soziale Hängematte!

"Ist Ihr Kind jünger als 3 Jahre, ist Ihnen Erwerbstätigkeit nicht zumutbar, solange das Kind nicht in der Kinderkrippe oder anderweitig untergebracht werden kann." Schön so etwas zu lesen, dass klingt so beruhigend. Ich brauch nicht arbeiten - ich kann mich um mein Kind kümmern. Aber wer will schon von HarzIV leben, wenn er seit vielen Jahren zu den "Besserverdienenden" zählte. Nun ich nicht, ich will arbeiten, meinen Lebensunterhalt selbstverdienen und mein Kind gut betreut wissen.

Also schauen wir zurück, Mama werden in Deutschland geht so: Ich hatte einen Job im Außendienst bei einem großen Unternehmen mit 1.700 Mitarbeitern. Der Job war sehr gut bezahlt aber er verlangte mir auch eine Einsatzbereitschaft von rund 50 bis 60 Stunden pro Woche ab. Single, ohne Verpflichtungen und motiviert bis in die Haarspitzen – kein Problem. Dann wurde ich schwanger und zeigte meinem Arbeitgeber das bevorstehende freudige Ereignis pflichtgemäß an. Prompt verwandelte sich mein Arbeitgeber, für den ich und meine Arbeitszeit bis dato mehr als bedeutungslos waren, in eine fürsorgliche Übermutter: Überstunden sind werdenden Müttern nicht zuzumuten, lange Autofahrten nicht und auch keine Aufregung. Die Lösung für meinen Arbeitgeber den Mutterschutz einzuhalten, bestand darin, mir eine Stelle im Telemarketing anzubieten, natürlich mit entsprechender Gehaltseinbuße von ca. 50 Prozent.

Ich musste meinen Arbeitgeber leider darauf hinweisen, dass er mich gerne in das Telemarketing versetzen könnte, aber mein Gehalt bliebe wie es ist – Mutterschutz! Gleichzeitig war auch klar, dass die Tage gezählt sind. Die folgenden Überstunden zur Einarbeitung meiner Nachfolgerin waren auch im Einklang mit dem Mutterschutz sowie ein nichtvorhandener Ruheraum mit Liege. Meine Planung, die Elternzeit für ein halbes Jahr 100prozentig zu Hause zu verbringen und dann halbtags an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren wurde nur mit den Worten kommentiert: "Bekommen Sie erst mal das Kind, dann sehen wir weiter." Nach einem halben Jahr lehnte mein Arbeitgeber es ab, mich halbtags zu beschäftigen. Eigentlich wollte er mich gar nicht mehr beschäftigen, denn 50 bis 60 Stunden Betreuung gibt es nicht und Rabenmütter mag auch keiner haben. Wir einigten uns und ich suchte mir einen neuen Arbeitgeber: Mittelstand, Vollzeit und familienfreundlich.

Aber auch hier war es nach knapp einem Jahr vorbei mit familienfreundlich. Jüngere Kollegen sind eben günstiger im Gehalt und flexibler in der Arbeitszeit und so bin ich "betriebsbedingt" gekündigt. Schade, Kind und Karriere wird Frauen offenbar wirklich nicht möglich gemacht. In "Lipstick Jungle" hat auch nur eine von drei Frauen ein Kind. Und die hat wenigstens einen Partner.

Gut - Mama, motiviert bis in die Haarspitzen ist arbeitssuchend, Vollzeit für Vertriebstätigkeiten. Um sich jedoch Vollzeit arbeitssuchend melden zu können, benötige ich weiterhin auch eine Vollzeitbetreuung für mein Kind unter 3. Das war bisher kein Problem, da ich in dem halben Jahr Elternzeit zu Hause eine phantastische Tagesmutter gefunden hatte. Ich konnte meine kleine Tochter eingewöhnen und als es wieder losging mit dem Arbeiten, hatte sie auch Kapazitäten für ein 45-Stunden-Kind.

Nun, arbeitssuchend, stehen mir 16 Stunden Betreuung für mein unter dreijähriges Kind zu. Mit anderen Worten: 16 Stunden Betreuung sind gewährleistet, wenn ich eine Arbeit bekomme. Der Rest ist nicht planbar, denn meine Tagesmutter hat auch laufende Kosten, die beim Wegfall eines 45-Stunden-Kindes auflaufen aber nicht mehr gedeckt sind. Warum sollte sie mir den 45-Stunden-Platz freihalten und vor allem für wie lange? Wenn ich aber keine Kinderbetreuung habe, bin ich nicht vermittelbar, bzw. nur für 16 Stunden vermittelbar. Und nun?

Wenn du glaubst es geht nicht schlimmer, schließe die Augen, atme tief durch, denn es kommt schlimmer:
Die Antwort der Arbeitsagentur ist folgende: Wenn Sie nur 16 Stunden Kinderbetreuung haben und damit auch nur 16 Stunden arbeiten gehen können, steht ihnen auch nur Arbeitslosengeld in Höhe von 40 Prozent zu. Wenn Sie gar nicht arbeiten gehen können, weil sie ihr Kind betreuen, steht Ihnen Harz IV zu und kein Arbeitslosengeld.

Motiviert bis in die Haarspitzen stehe ich da, trage den Sticker: „Ich will kein Opfer sein.“ Aber ich bin eins. Ich bin wie eine Einwanderin ohne Aufenthaltsgenehmigung. Die Aufenthaltsgenehmigung bekomme ich nur mit einer Arbeit, die Arbeit bekomme ich nur mit gültigen Papieren. Bin ich vielleicht illegal?

"Ist Ihr Kind jünger als 3 Jahre, ist Ihnen Erwerbstätigkeit nicht zumutbar, solange das Kind nicht in der Kinderkrippe oder anderweitig untergebracht werden kann." Erst jetzt verstehe ich den Satz in seiner vollen Komplexität. Danke Vater Sozialstaat für deinen Paternalismus. So viel Eigenverantwortung hast du nicht gewollt.

PS: Mama – motiviert bis in die Haarspitzen – hat wieder einen Job, Vollzeit und mit insgesamt null Tagen Arbeitslosigkeit und keinem weiteren Stress. Das habe ich meinem gut funktionierenden "Businessnetzwerk" zu verdanken und Geschäftspartnern, die überzeugt von mir sind, mehr als gut vermittelbar und ein ordentliches Gehalt wert zu sein, da ich eine Familie ernähre. Niemandem sonst und schon gar nicht dem Arbeitsamt. Danken möchte ich meinen Freundinnen aus dem VAMV, die mir viel Mut gemacht haben.

Susanna G.