Echtes Leben: weniger latte mehr macchiato

Echtes Leben: weniger latte mehr macchiato

Selbstverwirklichung. Individualität. Freiheit. Chancengleichheit – das sind die Versprechen und eigenen Ansprüche, mit denen die heutigen 30- bis 40jährigen aufgewachsen sind.  Katja Kullmann beschreibt in ihrem neuen Buch eindrucksvoll was geschieht, wenn diese Ideale auf die Realität einer Arbeitsgesellschaft  treffen, in der sich jede und jeder selbst der nächste sein soll und man den Wald vor lauter Netzwerken nicht mehr sieht.
Die vielbeschworene Freiheit der für alle offenstehenden Türen entpuppt sich als Problem, wie Kullmann treffend feststellt. Orientierungslosigkeit und Unstetigkeit ist die Kehrseite. Von einem befristeten schlecht bezahlten Projekt zum nächsten in einer anderen Stadt gelegenen Projekt zu hetzten, sichert häufig weder die Existenz, noch fördert es die Aufrechterhaltung privater Beziehungen, noch macht es auf Dauer Spass.
Angesichts prekärer Arbeitsverhältnisse inklusive Selbstausbeutung, gerade in den sogenannten kreativen Berufen, wird das „man selbst sein“ immer schwieriger. Die Hoffnung auf allumfassende Selbstverwirklichung realisiert sich selten. Wer sich finanziell selbst und ohne dauerhafte Unterstützung der Eltern über Wasser halten will, ist gezwungen, Kompromisse einzugehen.  Einen nicht ganz so attraktiven Job anzunehmen oder ohne Scham den Hartz IV-Antrag auszufüllen, das ist dann Echtleben.
Glaubwürdig und gut lesbar widerlegt Kullmann anhand der von ihr zitierten Studien den Mythos des individuellen Versagens. Das gelingt ihr deshalb so gut, weil sie ihre allgemeinen Darstellungen mit einem teilweise emotionalen Bericht über ihre eigene Erfahrungen kombiniert. Einst besser verdienende Autorin und Journalistin, bezog Kullmann zeitweise  Hartz IV, arbeitete schließlich als angestellte Redakteurin und verweigerte sich in dieser Funktion dem Auftrag Mitarbeiter/innen zu entlassen, kündigte schließlich und ist nun wiederum freiberuflich unterwegs.
Das Individuelle wird bei Kullmann wieder politisch. Sie zeigt, dass es allgemeine Strukturen sind, die sich im eigenen echten Leben widerspiegeln.
Katja Kullmann „Echtleben“, 2011, Eichborn 256 S. www.katjakullmann.de