„Meine Arbeit ist was wert!“ - Frauen auf dem Arbeitsmarkt

Die überwiegende Anzahl der Alleinerziehenden kommt aus einer Ehe oder Partnerschaft und ist nach Trennung/Scheidung für ihre Existenzsicherung und die ihrer Kinder allein zuständig. Auch der Haushalt muss nun ganz allein versorgt werden.

Zuvor waren die Aufgaben innerhalb der Familie meist so aufgeteilt: Vater geht Vollzeit arbeiten und bemüht sich um wichtige Karriereschritte. Mutter unterbricht nach der Geburt ihre Erwerbstätigkeit, kümmert sich um Kind plus Haushalt und steigt nach Elternzeit in reduziertem Umfang wieder ein. Teilzeit ist hierzulande Vereinbarkeitsstrategie Nummer eins. Ein Blick auf die Lohnzettel liefert die Begründung: Frauen verdienen im Schnitt 23 Prozent weniger.

Endet die Partnerschaft, geht diese Rechnung nicht mehr auf: Die Kinder bleiben meist bei der Mutter,  90 Prozent der Alleinerziehenden sind bekanntermaßen Frauen. Das Teilzeit-Modell reicht dann aber kaum dafür, die Existenz zu sichern. Zwar sichern überdurchschnittlich viele Alleinerziehende (60 Prozent) ihr Einkommen und das ihrer Kinder trotzdem ausschließlich durch Erwerbsarbeit. Dennoch ist ihr Armutsrisiko höher als das von Paaren mit Kindern.
Anlass genug, sich mit den geschlechterspezifischen Dimensionen des Arbeitsmarktes auseinanderzusetzen. Inwiefern und warum sind Frauen und insbesondere Mütter im Erwerbsleben schlechter gestellt?

Teilnahme am Erwerbsleben
Die Erwerbsquote von Frauen ist in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich angestiegen. Immer mehr Frauen gehen einer Erwerbstätigkeit nach, auch wenn sie Kinder bekommen. Allerdings: Das Volumen der insgesamt von Frauen geleisteten Arbeitsstunden hat sich kaum verändert – es wird lediglich auf mehr Schultern verteilt.
Frauen sind zu 46 Prozent in Teilzeit beschäftigt. Deutschland liegt damit unter dem EU-Durchschnitt. Alleinerziehende gehen mit 42 Prozent sogar häufiger in Vollzeit arbeiten als Mütter in Paarbeziehungen mit 27 Prozent. Das männliche Erwerbsverhalten hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht grundlegend verändert. Daran ändert auch zwei „Vätermonate“ wenig. Die männlichen Teilzeitquoten sind mit 9 Prozent verschwindend gering. Nach wie vor intensivieren Männer ihre Aktivitäten im Beruf und ziehen sich bei Haushaltsarbeiten zurück, wenn das erste Kind zur Welt kommt. Je länger ein Paar zusammenlebt und desto mehr Kinder sie haben, umso traditioneller ist ihre Arbeitsteilung. Das ist oft nicht gewollt, wie der erste Gleichstellungsbericht der Bundesregierung bestätigte. Werden Frauen und Männer nach ihren Wunscharbeitszeiten befragt, stellt sich heraus, dass diese sehr nah beieinander liegen. Mütter wollen tendenziell ihre Arbeitszeit ausweiten - Väter wollen ihre Arbeitszeit reduzieren.

Entgeltungleichheit
Arbeitsstunden von Frauen werden durchschnittlich um 23 Prozent weniger bezahlt, als die eines Mannes. Über den Lebenslauf betrachtet, erzielen Frauen lediglich über ca. 43 Prozent des Lebenserwerbseinkommen, welches Männer mit Eintritt in den Ruhestand verbuchen können. Die Ursachen dafür sind vielfältig, mehrere Effekte greifen ineinander und kommen hierbei materiell zum Ausdruck.

Die unterschiedlichen Positionen von Frauen und Männern im Erwerbsleben zeigen sich zum einen horizontal, also im Vergleich unterschiedlicher Berufsfelder: Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Branchen, deutlicher ausgedrückt:  ihre Tätigkeiten (z.B. Bürokauffrau, Erzieherin, Germanistin) werden schlechter bewertet als vermeintlich männliche (z.B. Elektroinstallateur, Metallbauer, Physiker) und dementsprechend geringer entlohnt. Zwei Drittel aller im Niedriglohnbereich Beschäftigten sind Frauen. Hier kann ein flächendeckender Mindestlohn Abhilfe schaffen. Zudem ist es längst an der Zeit, dass personennahe Tätigkeiten wie Pflege und Betreuung aufgewertet und gerecht entlohnt werden.

Zum anderen nehmen Frauen und Männer verschiedene Positionen auf der vertikalen Achse des Arbeitsmarktes ein. Um das zu beschreiben, bedarf es weniger Worte: je höher die Funktion, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie von einer Frau ausgeübt wird. Das war so, das ist trotz Einzelerfolgen so und das wird so bleiben, wenn nicht mit gesetzlichen Maßnahmen wie einer verbindlichen Quote für Führungspositionen Veränderungen initiiert werden.
Wird die unterschiedliche Entlohnung von Frauen und Männern genau unter die Lupe genommen, zeigt sich, dass die genannten Erklärungen noch nicht ausreichen. Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu:  das geschlechtsspezifische Diskriminieren. Ein Drittel des Verdienstunterschiedes ist darauf zurückzuführen, dass Frauen für gleichwertige Tätigkeiten auf gleichwertigen Positionen deswegen weniger Gehalt bekommen, weil sie Frauen sind.

Jenseits des Normalarbeitsverhältnisses: Atypische Beschäftigung
Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs, befristete und geringfügige Arbeitsverhältnisse: all das fällt unter die sogenannte atypische Beschäftigung. Es sind meist Frauen, die auf diese Art und Weise arbeiten. Sie geht meist mit niedriger Entlohnung einher, insbesondere in den „frauentypischen“ Branchen. Frauen verdienen in Ehen und Partnerschaften häufig „nur“ dazu, schließlich sie sind weiterhin diejenigen, die für Haushalt und Kinder zuständig sind. Das hat negative Auswirkungen auf ihre soziale Absicherung und berufliche Perspektiven:

Minijobs wurden ursprünglich geschaffen, um unbürokratisch einen Nebenverdienst für Personen zu ermöglichen, die mit einem anderen sozialversicherungspflichtigen „Hauptarbeitsverhältnis“ ihre Einkommen bereits sichern. Ehefrauen können auch ohne ein solches einen Minijob annehmen, da sie über die kostenlose Familienmitversicherung versichert sind. Minijobs bieten keinerlei Perspektiven - weder hinsichtlich des Übergangs in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis noch in Bezug auf berufliche Aufstiegschancen. Aus gleichstellungspolitischer Sicht sind Minijobs als regelrecht kontraproduktiv zu bewerten. Sie stellen einen Anreiz dar, auf eigenständige Existenzsicherung über Erwerbseinkommen zu verzichten mit desaströsen Konsequenzen für den Erwerb individueller Sozialversicherungsansprüche.

Konsequenzen in der Lebenslaufperspektive
Für eine eigenständige, existenzsichernde sowie armutsfeste Absicherung innerhalb der Sozialversicherungssysteme (Arbeitslosengeld und Rentenversicherung) wird idealtypisch ein Ernährereinkommen ohne Erwerbsunterbrechungen zu Grunde gelegt. Diese Voraussetzung erfüllen Frauen selten. Bis heute gelten für die meisten Frauen andere Voraussetzungen als für Männer. Die Erwerbsverläufe von Frauen weisen häufig familienbedingte Unterbrechungen auf und/oder ein geringes Einkommen. Das führt dazu, dass sie bei der Berechnung ihrer Sozialleistungsansprüche wegen Arbeitslosigkeit, überproportional oft auf das Einkommen ihres Partners verwiesen werden.

Sind Frauen alleinerziehend, landen sie schnell im SGB II - Bezug („Hartz IV“). Entweder weil sie nicht genug verdienen, um bei Arbeitslosigkeit vom Arbeitslosengeld I leben zu können oder weil sie so wenig verdienen, dass sie für sich und ihre Kinder „aufstockende“ Leistungen nach dem SGB II beantragen müssen.

In der Altersrente wird es zukünftig eine große Gruppe von Personen geben, die mit ihren Rentenansprüchen unterhalb des Grundsicherungsniveaus (entspricht dem Regelsatz im SGB II) liegen werden: Frauen die atypisch beschäftigt waren und/oder nicht genug verdienten, um eine private Altersvorsorge zu finanzieren. Alleinerziehende werden in dieser Gruppe überrepräsentiert werden, weil sie Frauen und weil sie Mütter sind.

Fazit
Eine Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden gelingt nur, wenn sich Arbeitsteilung und Arbeitsbewertung Richtung Geschlechtergerechtigkeit entwickeln. Arbeitsmarkt- und Familienpolitik müssen Hand in Hand gehen: Ohne eine gleichstellungspolitisch orientierte Arbeitsmarktpolitik, werden deshalb auch die besten familienpolitische Maßnahmen, die eine geschlechtergerechte Arbeitsteilung fördern sollen, nicht wirksam.
Werden Frauen aber weiterhin schlechter bezahlt und am beruflichen Aufsteigen gehindert, wird es Gleichstellung nicht geben. Die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern verursacht einen Kreislauf: für Frauen bestehen Anreize sich weniger als (ihre) Männer an der Erwerbsarbeit zu beteiligen. Das wiederum festigt ein geschlechtsspezifisches Rollenverhalten in Partnerschaften, was sich im Falle von Trennung und Scheidung zu Ungunsten der Existenzsicherung für Alleinerziehende auswirkt.

Gekürzte Fassung, zuerst erschienen in: „Informationen für Einelternfamilien Nr. 3/2011“. Die Zeitschrift kann in elektronischer Form und kostenlos abonniert werden. Einfach eine mail schreiben an: kontakt[at]vamv.de


Ausführliche Informationen, die 10 Forderungen des VAMV und weiterführende Literaturhinweise zu geschlechtergerechter Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik sind zu finden unter: http://www.vamv.de/fileadmin/user_upload/bund/dokumente/Stellungnahmen/Positionspapier_Arbeit_16_06_01.pdf