Mitwirkung beginnt beim Zuhören - Jugend und Politik (von Veit Polowy)

Mitwirkung beginnt beim Zuhören - Jugend und Politik (von Veit Polowy)

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“

Wie dem griechischen Philosophen Sokrates (469 bis 399 v.Chr.), dem diese Aussage zugeschrieben wird, erscheinen vielen Erwachsenen Jugendliche als unangepasst und ungehorsam.

Es ist gerade der Widerspruch, der junge Menschen kennzeichnet. Besonders augenfällig ist dies bei Protestaktionen und Demonstrationen. Es sind vor allem junge Menschen, häufig Studierende, die ihren Protest auf die Straße tragen. […]

Lebensphase Jugend

[…] „Jugend“ kann beschrieben werden als „Noch“-Phase: noch in schulischer, beruflicher oder universitärer Ausbildung, finanziell noch abhängig von Eltern oder Staat, noch ohne Verantwortung für eine eigene Familie, noch ohne Wahlrecht. Übergänge in den verschiedenen Lebensbereichen und damit "`erwachsen"' werden ereignen sich nicht gleichzeitig. Das Verlassen der (Berufs)Schule, die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, wirtschaftliche Selbständigkeit, finanzielle Unabhängigkeit von Eltern oder Staat, Eingehen einer Lebenspartnerschaft, von zu Hause ausziehen, Gründung einer eigenen Familie, Selbstbestimmung über Freizeit und Konsum sowie politische Mitbestimmung vollziehen sich zeitlich versetzt oder überlagern sich wie etwa bei einem Studium. Nach diesen Kriterien lässt sich eine Altersobergrenzen für „Jugend“ nur schwer zu bestimmen. […]

Schonzeit - Experimentierzeit

Die gesetzlichen Altersgrenzen gewähren Kindern und Jugendlichen gewissermaßen eine Schonzeit, in der sie Kind bzw. Jugendliche sein dürfen. […] Die jungen Menschen sollen sich erst einmal entwickeln und entfalten können. Sie sollen sich die Welt aneignen können und befähigt werden, ihr Leben selbständig und sozial verantwortlich führen zu können.

Und viele Jugendliche wollen Verantwortung übernehmen. Wenn es um ihre Themen geht, sind Jugendliche dabei. Gemeinsame Unternehmungen, themenbezogene Beteiligung und (mediale) Vernetzung sind dabei vielen wichtiger als eine Mitgliedschaft in einer politischen Jugendorganisationen oder einem Jugendverband. Doch gerade themenspezifische Gruppen wie attac, Greenpeace, terre des homme, Naturfreundejugend oder Tierrechtsgruppen, parteinahe Jugendorganisationen wie Grüne Jugend, Jusos, linksjugend ['solid], Junge Liberale, Junge Union oder die Jungen Piraten sowie überparteiliche wie gewerkschaftliche Jugendverbände sind es, die Bezüge zwischen bestimmten Themen und persönlichem Interesse herstellen und Gelegenheiten geben, sich bei gemeinsamen Vorhaben zu engagieren.

Demokratie auf Distanz

Viele Jugendliche meinen aber auch, Politik interessiere sie nicht. Es gibt nicht nur wichtigere Dinge, Freunde, Freund oder Freundin, Mode, Musik, Filmhelden, Stars, Sport, Fernsehen, Computer, Videospiele, Partys, Rausch. Viele geben auch zu, Politik nicht zu verstehen. Politische Strukturen und Verfahren entziehen sich einfach der Lebenswelt dieser jungen Menschen. Demokratie betrachten einige misstrauisch, Politiker/innen mit Befremden.

Bildungspolitik

Wie ihre Eltern, bemerken auch Kinder und Jugendliche, dass Politiker nicht alle Versprechen halten können. Bildung ist dabei ein besonderes politisches Thema. Das Bildungssystem bietet nicht nur Bildung, Entfaltung und Qualifikationen, sondern erzwingt - im Sinne einer „Leistungsgerechtigkeit“ - auch Selektion. Und diese Selektion scheint nicht allein nach Leistung zu gehen. […]

Entwicklung politischer Mündigkeit durch Aufklärung und Mitwirkung

Eltern wie Bildungseinrichtungen sind gleichermaßen herausgefordert, das politische Potential der nachwachsenden Generation zu stärken. Mündig im politischen Sinne ist, wer seine Rechte als Bürger in einem demokratischen Gemeinwesen kennt, wer seine Grundrechte auf Information, freie Meinungsäußerung und Versammlung nutzt und weiß, dass Veränderungen möglich sind - am leichtesten gemeinsam mit anderen. Politisches Handeln beginnt dort, wo es mehr als nur die eigene Person oder Familie betrifft. Und es gibt zahlreiche Gelegenheiten, junge Menschen über die politischen Dimensionen gesellschaftlichen Lebens aufzuklären und Begegnungen zwischen Jugendliche und Politik herzustellen. Etwa bei Projekten können Kinder und Jugendliche das Gemeinwesen betreffende Angelegenheiten untersuchen oder in konkreten Vorhaben versuchen, Veränderungen herbeizuführen. So können Kinder und Jugendliche Selbstbewusstsein und Orientierung gewinnen. Zugänge zur Politik bieten auch Formen der Kinder- und Jugendbeteiligung auf kommunaler Ebene. Wenn vorhanden, können Jugendliche in Jugendparlamenten, Jugendgemeinderäten oder Jugendstadtbezirksbeiräten an Entscheidungen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld mitwirken. Immerhin sind sie die Experten für ihr Leben und Lebensumfeld. Mündigkeit bedarf nicht nur sachgerechter Information und Aufklärung sondern insbesondere der Ermunterung durch Erwachsene oder erfahrene Jugendliche. Entscheidend ist eine gleichberechtigte Verständigung und die Anerkennung von Individualität und Selbstbestimmung. Mitwirkung beginnt beim Zuhören und Ernstnehmen.

Veit Polowy, Soziologe M.A. lebt in Leipzig und promoviert zu „Demokratische Schulkultur und politische Sozialisation“

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine stark gekürzte Version des Beitrags von Veit Polowy. Der vollständige Text findet sich hier.