Nachhilfeunterricht: Ausgleich der Mängel im Bildungssystem kommt Eltern teuer zu stehen

Nachhilfeunterricht: Ausgleich der Mängel im Bildungssystem kommt Eltern teuer zu stehen

Knapp 1,1 Millionen Kinder in Deutschland bekommen regelmäßig zu Hause Unterricht – nachmittags nach dem regulären Unterricht. Sie erhalten private Nachhilfe. Für diese Unterstützung bei der Bewältigung des Lernstoffes außerhalb der schulischen Einrichtungen geben Eltern ca. 1,5 Milliarden Euro im Jahr aus. Das ergab eine aktuelle Studie der Bildungswissenschaftler Professor Klaus Klemm und Annemarie Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung (http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_9...).

Bereits im Grundschulalter erhalten viele Kinder Nachhilfeunterricht. Aus Sorge darum, dass die Versetzung aufs Gymnasium gefährdet ist, nehmen Eltern private Hilfe für ihre Kinder in Anspruch. Eine Sonderauswertung der IGLU-Studie (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) ergab, dass fast 15 Prozent der Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch erhalten. Während noch vor einigen Jahren Nachhilfe ein Mittel zur Behebung kurzfristiger schulischer Schwächen war, ist sie heute zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem geworden.

Sollte es nicht Aufgabe der Schule sein, die Schüler so zu fördern, dass ihnen nach der Grundschule alle Möglichkeiten offen stehen? Warum ist es in unserem Schulsystem offenbar nicht möglich, auf die Kinder individuell einzugehen, um Schwächen rechtzeitig zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren? Die Nachfrage nach privatem Ergänzungsunterricht sei ein ernstzunehmendes Signal, denn sie sei Ausdruck dafür, dass Eltern mit dem Schulsystem unzufrieden seien, meint Dr. Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Für diejenigen, die es sich finanziell leisten können, ihre Kinder zu Hause und Mithilfe von Privatlehreren zu unterstützen, ist Nachhilfe ein adäquates Mittel. Aber was ist mit denen, die weniger im Geldbeutel haben und für die schon der Erwerb von Heften, Büchern oder die Finanzierung von Klassenfahrten kaum machbar ist? Deren Kinder haben kaum Möglichkeiten, Defizite aufzuholen. Folglich herrscht in unserem Bildungssystem eine Chancenungleicheit, unter dem die Schwächsten am meisten zu leiden haben.

Eine individuelle Förderung sollte in der Schule stattfinden und nicht parallel zu ihr. Alle Kinder müssen die gleichen Chancen innerhalb des Schulsystems erhalten. In Skandinavien – das hier wie so oft vorbildlich ist – oder Kanada und den Niederlanden gehören solche Maßnahmen zum Schulalltag und sorgen für große Erfolge. Denn: Hier schnitten die Schüler in der PISA-Studie nicht nur besser ab. Auch die Zahl derer, die außerschulischen Zusatzunterricht erhalten, ist wesentlich geringer.

Quelle: Bertelsmann Stiftung