Betroffen, verbittert, larmoyant: Alleinerziehende immer noch in der Schmuddelecke?

Die Konferenz "Allein erziehend – aber nicht allein gelassen?" der Friedrich-Ebert-Stiftung am 10. Februar 2010 hat wieder einmal gezeigt, wie defizitär Alleinerziehende insgesamt noch betrachtet werden. Obwohl alle (!) betonen, es handele sich um eine heterogene Gruppe, kommt doch in vielen Bemerkungen zum Ausdruck, dass man sich mit dem Alleinerziehen nicht so ganz wohl fühlt in der Öffentlichkeit. So bedauert Manuela Schwesig, Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern und stellvertretende SPD-Vorsitzende Alleinerziehende, die ja niemanden hätten, mit dem sie abends auf dem Sofa entspannen können. Elisabeth Niejahr, ZEIT-Redakteurin bezeichnet sich im ersten Satz ihres Vortrags als "Betroffene". Dr. Sigrid Bachler vom DGB-Bundesvorstand erzählt von den Frauen, die vom ständigen "in-die-Tischkante-beißen" schon ganz verbittert sind. Und Peter Ruhenstroth-Bauer, Vorsitzender des Berliner Familienrats ruft in die Runde "Weg von der Larmoyanz!" (wehleidiges Klagen, Selbstmitleid u.ä.). Auch der Titel der Konferenz suggeriert, dass man (wer?) sich um die Alleinerziehenden kümmern muss. Lediglich Edith Schwab vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter und Barbara König vom Zukunftsforum Familie bedienten nicht die "Betroffenen"-Rhetorik.

Was noch gar nicht bei den Nicht-Alleinerziehenden angekommen ist: Alleinerziehen ist kein Zustand, der ausschließlich nach Trennung und Scheidung (in wenigen Fällen nach Tod) eintritt, sondern es handelt sich um Lebensphasen zwischen, vor und ohne Beziehungen, die in der Regel zeitlich beschränkt sind, sowohl für die Frauen (und Männer), als auch für die Kinder. Alleinerziehen ist kein vor oder in der Schwangerschaft gewähltes Lebensmodell, das die Mütter und Väter dann "durchziehen". Je nachdem, wie sie zurecht kommen und wen sie kennen lernen, ändert sich die Situation wieder. Der Blick auf Alleinerziehende ist immer nur eine Momentaufnahme. Am Lebensstil und an der Zufriedenheit mit ihrem Leben hat sich in den letzten Jahrzehnten bei Frauen sehr viel getan, sie können auch mit dem Alleinerziehen eine glückliche Lebensphase durchlaufen und artikulieren dies zunehmend. Alleine zu erziehen heißt ja auch noch lange nicht, allein zu sein. Im Gegenteil – die sozialen Netzwerke Alleinerziehender sind ausgeprägter und stabiler als die von verheirateten Müttern. Aber es geht nicht um Vergleiche, welche Lebensweise denn jetzt die "bessere" ist – das tut allerdings der Staat, indem er die Ehe als das vorrangige Lebensmodell für das Aufwachsen von Frauen und Männern sowie ihrer gemeinsamen Kinder steuerlich subventioniert und populistisch idealisiert. Er sollte dringend den mehrfach geäußerten Rat annehmen, sich nicht in die Lebensformen der Menschen einzumischen, geschweige denn Belohnungssysteme für die Ehe aufrechtzuerhalten, die den vielfältigen Lebensweisen in der Gesellschaft nicht mehr gerecht wird.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung will im Laufe des Jahres weitere Konferenzen zu spezifischen Themen im Kontext „Allein erziehen“ durchführen. Die Beteiligung an und die Diskussionen der Auftaktveranstaltung haben gezeigt, dass das öffentliche Interesse groß ist.