Buch: Die Zukunft der Kinder

Thema: Kind
Buch: Die Zukunft der Kinder

In diesem soziologischen Buch über Paarbeziehung, Familie, Kinder und Gesellschaft könnt ihr euch selbst wiederfinden. Egal, in welcher Art von Beziehung und welcher Form von Familie ihr gerade steckt, wo und wie ihr arbeitet – ihr könnt euch mit Hilfe dieses Buches verorten. Die komplexen Verknüpfungen des eigenen Lebens werden euch ebenso sehr bewusst wie die noch komplizierteren Zusammenhänge des historischen Kontexts und die Interaktionsmuster aller irgendwie am eigenen Leben Beteiligten. Ihr könnt aber auch einfach auf die persönliche Selbstreflexion verzichten und euch über die brillante Analyse bisheriger Forschungsergebnisse und politischer Strategien freuen. Als politisch interessierte Menschen werdet ihr Ansätze finden, die euch überzeugen und bei denen ihr euch fragt, warum sie nicht schon lange umgesetzt sind.

Birgit und Hans Bertram unterstützen in ihrem Buch die Forderung von Urie Bronfenbrenner, einem amerikanischen Soziologen, nach einer Verbesserung der kindlichen Lebensbedingungen. Ausführlich und plausibel legen sie dar, wie die unterschiedlichen Prozesse der kindlichen Entwicklung im Familienkontext ablaufen und widerlegen dabei das klassische Sozialisationsmodell, das immer noch das Standard-Erklärungsmodell in der Soziologie, Psychologie und der Pädagogik ist. Sie beweisen, dass die Hypothese der „Vererbung sozialer Ungleichheit“ längst überholt, aber dennoch aus der aktuellen Diskussion nicht verschwunden ist. Auch PISA liegt der Ansatz der schichtspezifischen Sozialisationsforschung zugrunde, was im Ergebnis die Untersuchungsergebnisse recht fragwürdig erscheinen lässt. Die Verengung auf die Bewertung naturwissenschaftlicher, sprachlicher und mathematischer Kompetenzen blendet eine Menge anderer Einflussfaktoren auf das Kind konsequent aus und bereitet damit den Weg zu noch mehr Kompensationsdruck. Bertram bezeichnet es als das falsche Konzept. PISA gebe nur eine Momentaufnahme wider und außerdem sind da eine Fülle von Übersichtsarbeiten, die gezeigt haben, dass soziale Ungleichheiten, gemessen am ökonomischen Erfolg, nur zu einem kleineren Teil durch Schule, kognitive Entwicklung und Eltern erklärt werden können.

Ihre Forderungen an eine moderne Familienpolitik kleiden Hans und Birgit Bertram in diplomatische Worte. Doch zwischen den Zeilen kommt immer wieder die Enttäuschung durch, dass viel mehr möglich wäre, als getan wird. Dass „nachhaltig“ immer auch „ganzheitlich“ bedeutet und dass es konkrete Möglichkeiten der Umsetzung gibt. Sie plädieren dafür, klassische Denkfiguren zu verlassen und die bio-sozialökologische nach Urie Bronfenbrenner einzunehmen. Dazu gehört:
•    Das so genannte Kompensationsmodell wird durch ein Interaktionsmodell ersetzt. Wer in der Familienpolitik zu Hause ist, weiß, was gemeint ist: Entsprechen Kinder in ihrem Verhalten oder ihren Leistungen nicht einer durchschnittlichen Norm, wird schnell die elterliche Erziehungskompetenz angezweifelt und Kita und Schule müssen kompensatorisch reparieren, was die Eltern nicht schaffen.
•    Im Zentrum der Familienpolitik steht das kindliche Wohlbefinden. Seine Dimensionen sind in der UN-Kinderrechtskonvention und in vielen Publikationen vielfach genannt.
•    Familienpolitik begreift sich als Politik zur Sicherung der Zukunft von Gesellschaft und fördert die gegenwärtige Kindergeneration optimal, sie strebt nicht primär eine höhere Geburtenrate an.
•    Familienpolitik ist Gleichstellungspolitik. Denn angesichts der Veränderungen in der Erwerbsarbeit und der Erziehung der Kinder müssen beide Geschlechter ihre Anteile übernehmen.

Hans und Birgit Bertram, Familie, Sozialisation und die Zukunft der Kinder, Verlag Barbara Budrich 2009
(Rezension veröffentlich in: Informationen für Einelternfamilien Nr. 1/2010)