Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?

Thema: Bildung
Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?

Immer wieder wird in den Medien berichtet, die Jungen seien zunehmend die Verlierer in den Bildungsinstitutionen. Sie schaffen häufiger keinen Schulabschluss, sind beim Abitur und in einigen Studiengängen wie Medizin mittlerweile eindeutig in der Minderheit. Müssen Jungen daher speziell gefördert werden? Brauchen wir eine Jungen- und Männerpolitik, damit sich an diesen Missständen etwas ändert?

Die neue Bundesregierung sagt ja und hat in den Koalitionsvertrag geschrieben: „Wir wollen eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik entwickeln und bereits bestehende Projekte für Jungen und junge Männer fortführen und intensivieren. Damit eröffnen wir ihnen auch in erzieherischen und pflegerischen Berufen erweiterte Perspektiven.“

Mit dieser Aussage im Koalitionsvertrag widerspricht die Regierung ihrer selbst in Auftrag gegeben Veröffentlichung „Schlaue Mädchen – Dumme Jungen?“ Diese Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums – ein Sachverständigengremium, das die Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Kinder- und Jugendhilfe und in Querschnittsfragen der Kinder- und Jugendpolitik berät – kommt zum Ergebnis, dass vor allem die Medien sehr einseitig und verkürzt über die vermeintlich schlechteren Bildungsleistungen von Jungen berichten. Tatsächlich lassen die Befunde im wissenschaftlichen Diskurs keineswegs auf eindeutige Benachteiligungen von Jungen schließen. Und so warnt das Beratergremium die Politik ausdrücklich vor einer schnellen Umsetzung in einseitiger Förderung aufgrund des männlichen Geschlechts. Vielmehr müssten die vermittelten pädagogischen Inhalte auf ihre einseitige Ausrichtung überprüft werden.

Zum Beispiel wird aus der vermeintlichen Benachteiligung der Jungen von der Politik als Lösung gefordert, mehr männliches Personal in Kitas und Grundschulen einzustellen. Allerdings haben die Sachverständigen keine eindeutigen Hinweise gefunden, sondern betonen: „Zudem ist es nicht zutreffend, „die“ Jungen pauschal als Bildungsverlierer zu betrachten, da die Ergebnisse für die Gruppe der Jungen ein sehr heterogenes Bild abgeben, insbesondere, wenn weitere Unterscheidungen nach Migrationsgeschichte und sozialer Herkunft berücksichtigt werden.“ Statt einfach mehr Männer einzustellen, wäre es klüger, über die Vorstellung von Männlichkeit in den erzieherischen und pflegerischen Berufen nachzudenken und Einseitigkeiten zu überwinden.

Die Regierung handelt demnach wider besseres Wissens, wenn sie jetzt eine eigenständige Jungen- und Männerpolitik einführen will. Wofür werden diese Beratergremien eingesetzt, wenn ihre Erkenntnisse nicht in die Politik einfließen? Die nordischen Länder setzen seit Jahrzehnten auf eine Gleichstellungspolitik auch in der Bildung. Allein mit dem Prinzip der Individualförderung – und nicht qua Geschlecht – wie in Deutschland, wären Fortschritte  zu verzeichnen. Wieder vergibt die Regierung zugunsten eines „auf Schlagworte verkürzten, undifferenzierten Aktionismus“ die Chance für eine strukturelle Veränderung, die sowohl Jungen als auch Mädchen zugute kommt.