Mutterinstinkt

Mutterinstinkt

Nach Monaten, die ich um ein bisschen Zuneigung gekämpft habe, die ich gelitten habe, die ich so oft geweint habe um einen Mann, der es im nachhinein nicht wert war, dass man überhaupt an ihn denkt, der Gedanke: irgendwas ist anders. Schnell zu Schlecker nach der Arbeit, wollen wir doch mal schauen... Der billige Test reicht, bisher war es immer Fehlalarm. Drei quälende Minuten: Oh, mein Gott! Das kann nicht.... Nicht nur ein Streifen, nein, da zeichnet sich tatsächlich noch ein zweiter ab. Zwar ganz blass, aber er ist da. Nein, das kann nicht sein. Da muss ich wohl noch einen machen nur zur Sicherheit.  Also ab in die Apotheke ein bisschen mehr investieren und dann noch mal das ganze. Auch da die eindeutige Aussage: Schwanger.

So, jetzt ganz ruhig bleiben, keine Panik, noch steht nichts fest. Da kann auch irgendwas anderes hinterstecken. Erstmal ab zu Mama. Mutti kannst du mal kurz kommen?! Ich glaube wir haben ein Problem. Ein dickes Grinsen macht sich in ihrem Gesicht breit: Bist du schwanger? Öh, ich denke schon. Das Grinsen wird breiter: Hab ich mir schon gedacht, dass das passiert. Und nun? Was willst du machen? Weiß ich noch nicht. Ausbildung...Arbeit...Kind? Das würde nicht in meine Planung passen. Noch steht es nicht fest, Mutti, ich fühl mich auch nicht so. Tzzzzz Riesenlüge – auf einmal fühle ich mich schwindelig, mir ist schlecht und ich bin müde.

Am nächsten Tag bei der Arbeit: Frühschicht. Diesen Tag werde ich nicht überleben!!! Gegen Mittag kommt ein Kollege zieht mich an die Seite: Jenny, sag mal, bist du schwanger? Spinnst du, wie kommst denn auf den Mist? Ich frag ja nur, ich habe drei Kinder und meine Frau sah auch so aus. Jetzt hat mich die Unruhe gepackt. Dringend den Frauenarzt anrufen. Bei der Untersuchung geht das Feuerwerk im Kopf los. JA! NEIN! SCHWANGER! NICHT SCHWANGER! Insgeheim weiß ich die Antwort. Dann der Satz, von dem ich mir nicht sicher bin, ob ich ihn hören will: Herzlichen Glückwunsch – Sie sind schwanger! Wie betäubt ziehe ich mich an und gehe ganz tapfer wieder zur Arbeit - nur diesmal mit einem Bild von meinem Kind in der Tasche und dem Gefühl, dass jetzt was Großes auf mich zukommt.

Wie sage ich es ihm? War das echt meine größte Sorge? Wird er mich noch wollen? Will er das Kind? Will ich das Kind? Diese Frage ist schnell beantwortet. Eine SMS: Wir müssen dringend reden. - Was willst du? - Ich muss mit dir reden! – Warum? Schreibs mir doch einfach! - Nein ich will mit dir sprechen, das geht nicht am Telefon! – Nerv doch nicht rum. - Doch ich nerve, es ist wichtig, ich kann das so nicht! - Sag nicht du bist schwanger!!! – Ja, ich bin schwanger, 6. Woche! - Das ist nicht dein Ernst. Und jetzt??? - Keine Ahnung, ich muss erst nachdenken. - Was gibt es da noch zu denken. Ich will kein Kind,  du willst kein Kind. Treib es ab!!! Das hat gesessen. Ich mache mein Handy aus, um nachzudenken.

Am nächsten Tag steht das Treffen an. Ich habe Panik. Meine Mutter sagt: Egal, wie du dich entscheidest, wir stehen hinter dir. Danke Mama! Ich fahre zu ihm, dann sehe ich ihn im Rückspiegel auf mein Auto zukommen: Tränen, Angst, Zittern. Er setzt sich ins Auto: Ich will kein Kind und du bist in der Ausbildung. Treib ab, Jenny, treib ab! Ich will es nicht haben und du bist zu jung. Entweder ich oder das Kind. Dann höre ich mich sagen: Nein, ich werde es behalten und mir ist egal, was du willst. Das ist mein Bauch, mein Kind, meine Entscheidung. Lieber das Kind, als so einen Typen wie dich. Wow, ich bin selbst schockiert über meine Worte. Das aus meinem Mund an den Mann, von dem ich dachte, ich liebe ihn mehr als alles andere auf dieser Welt und er mich. Plötzlich der Satz: Ich habe dich eh nie geliebt. Ich hatte nie vor, zu dir zu kommen, ich bleibe bei meiner Freundin, die ich schon seit fünf Jahren habe. Und das Kind wirst du abtreiben. Sei doch nicht so dämlich, ein Kind ohne Vater. Ich will es nicht.

Wieder zu Hause, wache ich nach ein paar Stunden Heulen und Schlaf auf, mit der Hand auf meinem Bauch und dem schönsten Gedanken im Kopf: Ich werde Mama. Meine Mutter nahm mich in den Arm und sagte: Ich habe gehofft, dass du dich so entscheidest und gewusst, dass du das Richtige tust. Wir kriegen das schon hin.

Und das haben wir! Das ganze ist jetzt knapp ein Jahr her ich habe meine Ausbildung mit vorgezogener Prüfung abgeschlossen einen Arbeitsvertrag bekommen und das größte Geschenk: meine Tochter. Sie ist jetzt 4 1/2 Monate alt und das Beste, was mir je passiert ist. Ich bin alleinerziehend und stehe zu meiner Entscheidung...und meine Mutter hatte mit ihrer Vermutung Recht. Das ist eben der Mutterinstinkt.

Jenny H.