Michael

Thema: Kind
Michael

Ich habe drei Jungs – Michael, Gabriel und Florian. Es begann, als Michael im Alter von drei Jahren in den Kinderkarten kam. Dort wurden bei ihm Auffälligkeiten beobachtet, woraufhin er von einer Psychologin untersucht wurde. Diese stellte fest, dass er feinmotorische Probleme hatte. Ich ging mit Michael zu einer im nördlichen Niederösterreich niedergelassenen Psychologin, die mir - nachdem sie ihn getestet hatte - zu einer Ergo- und einer Spieltherapie riet. Diese Therapien haben wir drei Jahre lang, zweimal wöchentlich gemacht. Als Michael sechs Jahre alt war, übersiedelten wir nach Wien, wo er sein Schulleben mit der Vorschule begann. Michael hatte zwar Probleme, aber die Lehrerin sah keinen Grund, ihn nicht in die erste Klasse Volksschule gehen zu lassen.

Die Lehrerin lehnt Hilfe ab

Am Ende des Schuljahres ließ ich mich scheiden und zog wieder ins nördliche Niederösterreich, wo Michael mit der Volksschule beginnen sollte. In einem Gespräch mit dem Direktor wurde mir versprochen, dass für Michael ein/e zweite/r Lehrer/in bzw. Integrations-Lehrer/in kommen würde. Also kam er in die erste Klasse zu Frau P. Sie war schon bald mit meinem Sohn überfordert, die versprochene zweite Lehrerin kam nicht. Frau P. konnte oder wollte Michael nicht integrieren. Es traten große Probleme in Deutsch und Rechnen auf. Schon nach einer Woche erklärte sie mir, dass Michael es nicht schaffen würde. Auf meine Frage, wann denn die Integrationslehrerin käme, antwortete sie, dass diese in dem Fall auch nicht helfen könne, weshalb auch keine käme. Frau P. lehnte jede Hilfe ab oder gab einer Hilfe keine Chance. Ich ging trotzdem jeden Tag mit Michael in die Schule und war immer beim Unterricht dabei. Er war beim Schreiben sehr langsam, hatte keine Freunde in der Schule und saß in den Pausen immer alleine da. Mir zerbrach das Herz als ich das sah. Niemand spielte oder sprach mit ihm.

Sonderschule

Ich ging zum Direktor und fragte ihn, warum Frau P. Michael nicht besser integrieren könne. Er sprach daraufhin mit der Lehrerin, was an der Situation jedoch nichts änderte. Nach ca. drei Wochen sagte mir Frau P., dass Michael von einem Schulpsychologen untersucht würde. Diese kam zu dem Schluss, dass Michael in der Sonderschule besser aufgehoben wäre. Das war ein Riesenschock für mich. Ich brauchte Hilfe und rief meinen Ex-Mann (Kindesvater) an, aber auch er konnte oder wollte mir nicht helfen. Als nach der psychologischen Untersuchung feststand, dass Michael tatsächlich in die Sonderschule musste, brach für mich eine Welt zusammen. Ich weinte nur noch und fühlte mich so allein gelassen, so hilflos. Meiner Meinung nach kann man nach drei Wochen noch nicht feststellen, ob ein Kind in die Sonderschule muss. Also fuhr ich zum Schulinspektor, um mit ihm noch einmal über die ganze Sache zu sprechen. Ich erklärte ihm, dass die Lehrerin meinem Sohn einfach keine Chance geben wollte und ich war überzeugt, dass sie mit dieser Situation hoffnungslos überfordert war. Aber auch der Schulinspektor konnte mir nicht helfen, da er sich an das Testergebnis des Schulpsychologen hielt.

Die Probleme werden größer

Michael kam sofort in die Sonderschule. Er konnte nicht mehr lächeln, hatte kein Selbstbewusstsein mehr. Für mich als Mutter war das schrecklich. Die Therapie wurde weiter zwei Mal pro Woche durchgeführt. Eines Tages sagte mir die Therapeutin, dass sie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/HyperakivitätsSyndrom) vermute. Nach einer weiteren Untersuchung und einem Test wurde bei Michael tatsächlich ADHS diagnostiziert. Weitere Medikamente und Therapien wurden verordnet. In der Schule wurden die Probleme größer, da Michael immer aggressiver wurde. Seine schulischen Leistungen wurden auch nicht besser. Ich musste jeden Tag mit Michael die Aufgaben machen, was für uns beide eine Qual war. Er war so entsetzlich langsam. Auch seinen Brüdern gegenüber wurde er immer aggressiver. Fernsehverbot und sonstige Bestrafungen halfen nichts. Da ich meine ganze Energie für Michael brauchte, bekam mein Sohn Gabriel zu wenig Zuneigung, Liebe die ein Kind braucht. Die ganze Zeit war ich nur für Michael und Florian da. Michael hatte große Angst vor Hunden, er traute sich nicht mit Aufzügen zu fahren, hatte auch Angst im Dunkeln, sodass er nur mit Licht schlafen konnte. Michael wurde immer trauriger, da kein Kind mit ihm spielte. Er wurde ein richtiger Einzelgänger. Eine Versetzung in eine andere Schule (bessere Betreuung) wurde mir mehrmals verwehrt, mit der Begründung ich müsse dazu den Wohnsitz wechseln. Obwohl ich wusste, dass mir das finanziell nicht leicht fallen würde, begab ich mich trotzdem auf Wohnungssuche. Diese blieb allerdings ohne Erfolg. Ich fühlte mich hilflos und überfordert, da ich meinem Sohn nicht helfen konnte. In den folgenden Jahren änderte sich nichts. Michaels Probleme, auch die schulischen, hielten weiter an.

Es geht bergauf!

Als ich eines Tages wieder einen Mann kennen lernte, ging es mir besser, da er mich in vielerlei Hinsicht unterstützte. Er ist jetzt mein Lebensgefährte und mir nach wie vor eine große Hilfe. Als Michael 11 Jahre alt war, übersiedelten wir wieder nach Wien. Auf einmal war auch mein Ex-Mann mit seiner Lebensgefährtin wieder für uns da und half uns eine sonderpädagogische Schule für Michael zu finden. Nach mehren Besuchen bei Psychologen, Therapeuten und stationären Aufenthalten war Michael medikamentös endlich gut eingestellt.

Professionelle Unterstützung

Michael ist nun bald 16 Jahre alt und geht in einen Berufsorientierungs-Lehrgang in Wien. Die Diagnose ADHS wurde schon vor Jahren widerlegt. Er leidet unter Angstzuständen, einer Persönlichkeitsstörung und Konzentrationsstörungen. Michael ist bei einer sehr guten Therapeutin und einer guten Kinder- und Jugendberaterin in Behandlung . Die Aggressivität gegenüber seinen Brüdern hat sich gebessert. Die
Angstzustände nahmen ab. Er lernt nun, an sich selbst zu arbeiten und ist etwas selbstbewusster geworden. Ich bin sehr stolz auf ihn. Ich habe jetzt auch mehr Kraft und kann mich besser um Gabriel und Florian kümmern. Es geht uns jetzt allen insgesamt besser.

Positiver Blick in die Zukunft

Alles in allem war es eine sehr schwierige, herausfordernde Zeit. Durch die richtige Unterstützung sehen wir jetzt aber zuversichtlicher in die Zukunft und sind bereit, uns den kommenden Herausforderungen zu stellen.

Elke R.

 

Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende zur Verfügung gestellt und ist in der Zeitschrift "Alleinerziehende auf dem Weg" erschienen. Weitere Informationen: www.oepa.or.at

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Foto: Angela Jagenow