Ich hänge nicht an dem Familienidyll

Thema: Wünsche
Ich hänge nicht an dem Familienidyll

Ich wurde mit 34 Mutter. Mein heute neunjähriger Sohn Benedikt war zum damaligen Zeitpunkt zwar nicht geplant, aber von ganzem Herzen gewollt. Mein Lebensentwurf sah Kinder vor – allerdings auch einen Lebenspartner. Aber im Leben läuft ja bekanntlich nicht alles so, wie man es gerne haben möchte. Und den Abschied von Lebensträumen zu nehmen, ist ein schmerzlicher Prozess. Mein damals noch verheirateter Freund freute sich zwar sehr auf das Kind, wir sprachen auch von einem gemeinsamen Leben, aber je näher der Geburtstermin rückte, desto weniger wurde es für ihn vorstellbar. Seit dem bin ich alleinerziehend, aber an das Wort „alleinerziehend“ habe ich mich ehrlich gesagt immer noch nicht gewöhnt. Es ist wie ein Stempel und ich fühle mich dadurch zu sehr auf meine Mutterrolle reduziert.

Als Benedikt auf die Welt kam, war ich in einer sozialen Einrichtung tätig. Nach Geburt und Erziehungsurlaub hatte ich das Glück, dort weiter arbeiten zu können und bekam auch die gewünschte halbe Stelle. Klar war das gut, aber eine halbe Stelle bedeutet eben auch erheblich weniger Einkommen. Schnell wurde mir klar, was allein erziehen wirklich bedeutet: sich nicht gehen lassen zu dürfen. Man ist 24 Stunden, Tag und Nacht, im Dauereinsatz, rund um die Uhr damit beschäftig, Kind, Beruf, Haushalt und soziales Leben zu bewältigen und niemand hilft einem, auch nur die Verantwortung zu tragen. Ich habe mich zwar für das Alleinsein entschieden, doch spüre ich auch manchmal die Erschöpfung.

Neue berufliche Perspektiven

Sehr dankbar bin ich dafür, dass ich vor fünf Jahren Geld geerbt habe. Es ist zwar kein Vermögen, doch es hilft mir, die gröbsten Löcher zu stopfen. Und es hat mich mit meinen Lebensträumen wieder in Kontakt gebracht. Mein Beruf ist mir wichtig und der Wunsch mich beruflich weiterzuentwickeln hat mich darin bestärkt, einen neuen Anlauf zu nehmen – und Sozialpädagogik zu studieren! Alles unter einen Hut bringen ist zwar nicht einfach, aber das Studium gibt mir Kraft. Wenn ich ehrlich bin, sind mir die beruflichen Perspektiven inzwischen wichtiger als die Suche nach einem Mann. Ich hänge ohnehin nicht an dem Familienidyll Mann, Kind, Zwergkaninchen und Hund.

Gabi R. (Name wurde geändert)