Mein Weg aus der Einsamkeit und Enge

Mein Weg aus der Einsamkeit und Enge

Ich bin Deutsch-Türkin, d.h. ich wurde in Deutschland geboren und bin hier aufgewachsen. Meine Erziehung war jedoch sehr von den Traditionen meiner türkischen Familie geprägt. In ihren Augen sind Frauen hauptsächlich für die Kindererziehung und den Haushalt zuständig und werden stark von ihrer Umwelt abgeschirmt. Kontakte zu Freundinnen gibt es sehr wenige. Die Angst der Eltern ist sehr groß, dass die Mädchen ihnen Schande bringen und ihr Gesicht in der Gesellschaft nicht wahren.

Eine Ehe wie ein Gefängnis
So wie mir erging und ergeht es sicher vielen muslimischen Frauen. Mein Ex-Mann hat um meine Hand angehalten und ich habe das als Chance genutzt, in die Freiheit zu heiraten, obwohl ich ihn kaum kannte und schon gar nicht liebte. So zog ich von einer Abhängigkeit (Elternhaus) direkt in die nächste (Ehe). Sehr früh bekam ich meine beiden Töchter – heute 14 und 18 Jahre alt. Gemeinsam mit meinem Mann führte ich einen Lebensmittelladen und stand sechs Tage die Woche hinter der Theke. Der Sonntag war dazu da, zu putzen, kochen, und waschen sowie um meinen Haushalt und den meiner Schwiegereltern zu organisieren. Ich verbrachte mehr Zeit mit meinen Schwiegereltern als mit meinem Mann. Ich musste wie eine Maschine funktionieren. Mein Leben bestand nur aus Arbeit und Haushalt, Hobbys hatte ich keine, Bekannte habe ich nur mit meinem Mann zusammen gesehen. Wir gingen so gut wie nie gemeinsam aus, um mal etwas nur zu zweit zu unternehmen. Meistens blieb ich zu Hause und er hat sich mit Freunden getroffen. Der Kontakt zu meinen Freundinnen ist damals total abgerissen. Ich was sehr stark eingeengt – wie in einem Gefängnis. Ich durfte mein Leben nicht selbst bestimmen und konnte es auch irgendwann nicht mehr, weil meine Selbstständigkeit total verloren ging.

Die Liebe zu meinen Kindern gab mir Kraft

Die Folge dieser Lebensumstände waren Panikattacken. Ich begann immer öfter plötzlich zu zittern und bekam Herzrasen. Das ist ein Gefühl, wie wenn das eigene Leben an einem vorbeizieht. Alles, was man erlebt hat, die ganze Vergangenheit geht auf einmal in den Kopf. Man denkt, gleich geht eine Rakete los. Anfangs wusste ich gar nicht, was mit mir los war. Jeder sagte mir, ich solle mich nicht so anstellen. Dabei fühlte ich mich sehr einsam und musste ständig weinen, weil ich so hilflos war. Das Schlimmste war die Angst vor der Angst. Ich zog mich deswegen immer mehr von der realen Welt zurück. Ich verlor acht Kilo Gewicht und hatte psychosomatische Beschwerden. Dass ich das überhaupt solange ausgehalten habe, habe ich nur meinen Töchtern zu verdanken. Für die beiden habe ich immer weiter gekämpft. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Als ich schließlich zusammenbrach, erkannte meine Ärztin zum Glück, was mit mir los war. Sie schickt mich zur Psychologin. Dann folgten Psychotherapie und eine Behandlung mit Antidepressiva. Am Ende war klar, ich musste raus aus dieser Ehe. Schon wegen meiner Kinder. Meine Psychologin hat mir erklärt, dass es für die beiden wichtig sei, dass ihre Mutter gesund und glücklich ist, denn dann würden sie sich gut entwickeln und könnten auch die Trennung besser verkraften. Und umgekehrt war es die Liebe meiner Kinder, die mir die Kraft gab, das alles durchzustehen.

Glücklich trotz wenig Geld
Die Trennung brachte allerdings viele Schwierigkeiten mit sich. Ich bekam Sozialhilfe und Unterhaltsvorschuss, weil mein Mann arbeitslos war und keinen Unterhalt zahlen konnte. Um den Mädchen etwas bieten zu können und unsere Wohnung gemütlich einrichten zu können, musste ich von dem wenigen Geld, das wir hatten, versuchen, noch etwas zurückzulegen. Ich habe damals versucht, Dinge mit ihnen zu unternehmen, die günstig oder kostenlos waren. Wir sind viel draußen gewesen. Ich wollte einfach, dass meine Kinder wissen, dass es einem auch ohne Geld gut gehen kann. Heute bin ich sehr zufrieden und vor allem froh, dass ich es damals geschafft habe, aus dem eingeengten Leben zu fliehen. Meinen Töchtern möchte ich mit auf den Lebensweg geben, dass Sie eigenständige, selbstbewusste Menschen werden und in der Lage sind, zu entscheiden, was für sie gut ist. Sie sollen nicht das gleiche durchmachen müssen wie ich.

Sivil K.

 

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Foto: Angela Jagenow