Ein unerwartetes Wiedersehen und späte Erkenntnisse

Ein unerwartetes Wiedersehen und späte Erkenntnisse

Die Karibikküste Costa Ricas ist ein besonderer Landstrich mit zauberhaften Nationalparks, weißen Sandstränden und einer erstaunlichen Vielfalt in Flora und Fauna. Die scharf-süße karibische Küche ist köstlich, das karibische Meer ist warm und sehr blau, Palmen, prächtige Sonnenuntergänge – die Seele baumelt.

Spannungen und soziale Konflikte

Als ich mich 1988 wegen eines Praktikums in Costa Rica aufhielt, traf ich in einem kleinen charmanten karibischen Dorf einen Mann, mit dem dann alles sehr schnell ging: Verlieben, heiraten, zwei Kinder bekommen, einen Sohn und eine Tochter; wir pendelten zwischen Costa Rica und Deutschland hin und her, auf der Suchen nach einem möglichen gemeinsamen Lebensmittelpunkt. Nach fünf Jahren war der Versuch unserer Verbindung in meinen Augen gescheitert. Die Belastungen der Ehe bestanden im Mangel an Geld und Perspektiven: in Deutschland geprägt durch Behördenschikane und kulturelle Missverständnissen, im Dorf meines Mannes durch undurchschaubare Spannungen und eine starke soziale Kontrolle, die in kleinen Dörfern üblich ist. Das Ergebnis waren tägliche Konflikten. Naturgewalten, gesellschaftliche Regeln, die ich nicht verstand, unterschiedliche Erziehungskonzepte und der ständige Geldmangel machten unser gemeinsames Leben schwer.

Frage nach der Herkunft

Ich gab auf, trennte mich und verließ gegen den Willen meines Mannes das Land mit unseren Kindern. In Deutschland reichte ich die Scheidung ein, setzte mein Studium fort und begann zu arbeiten. Ich erzog alleine die Kinder. Die Zeit mit ihrem Vater in Deutschland und in Costa Rica hielt ich so gut es ging lebendig mit Fotos, Anekdoten, geflügelten Worten, schönen und schlimmen Geschichten und Erzählungen. Mit meinem geschiedenen Mann hatte ich jedoch jeden Kontakt abgebrochen. Ich wusste nicht, dass er in diesen Jahren auf der anderen Seite des Atlantiks eine neue Verbindung einging mit einer jungen Frau aus seinem Dorf. Er zog mit ihr in ein anderes Haus, bekam drei weitere Söhne und baute sich eine Existenz mit Boots- und Schnorcheltouren auf. In seinem Schuppen hob er ein Babyhandtuch auf, sein einziges Erinnerungsstück an seine Kinder in Deutschland. In seinem Gedächtnis bewahrte er Bilder von zwei kleinen Kindern, die nie größer wurden als drei ½ und ein ½ Jahre. In Deutschland wuchsen sein Sohn und seine Tochter heran und sehnten sich nach einem Vater, der gleichzeitig an- und abwesend war. Sie hielten im Scherz ihre braunen Arme nehmen meine weißen und sagten: Du bist gar nicht unsere Mama! Wir haben nicht die gleiche Hautfarbe! – Das war zwar eine Spiel, bedeutete aber viel mehr. Wer hatte ihnen denn die braune Hautfarbe gegeben, wer verbarg sich hinter den dunklen Augen?

Ein Wunsch wird zum Reiseplan

Nach fünfzehn Jahren ohne Kontakt wurde der Wunsch meines Sohnes, seinem Vater zu begegnen und zu diesem Teil seiner Herkunft Verbindung zu haben, so drängend, dass ich mich entschied, eine Reise ins Ungewisse zu wagen und in Costa Rica zu versuchen, diese Begegnung herbei zu führen. Beunruhigt und von bösen Erinnerungen belastet, suchte ich Rat bei der iaf, dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften. Ich fühlte mich gut vorbereitet und in den Osterferien 2009 war es dann soweit.

Nach 15 Jahren Trennung: Freundschaft und Anerkennung

Nach einigen Tagen des Suchens fand ich meinen geschiedenen Mann. Nach 15 Jahren ohne Kontakt standen wir uns plötzlich wieder gegenüber, und das vorherrschende Gefühl auf beiden Seiten war Freude. Die Begegnung war vertraut und gleichzeitig neu, wir beide haben wohl über die Jahre viel dazu gelernt: Wir sind heute reifer und nachdenklicher, vieles tat uns leid, wir entschuldigten uns, ohne gegenseitige Erklärungen einzufordern. Wir wollten beide eine Versöhnung und waren froh und erleichtert, uns in Freundschaft wieder gefunden zu haben.  Das Leben war für uns beide weiter gegangen, für meinen Ex-Mann mit einer neuen Familie; wir bewunderten gemeinsam unseren großen Sohn, er bekam die Umarmungen, Küsse und liebende stolze Anerkennung seines Vaters, die er sich so sehnlich gewünscht hatte. Wieder in Deutschland folgten ein langes Telefonat zwischen Vater und Tochter, es wurden Pläne geschmiedet für eine Begegnung im kommenden Jahr, und seitdem rufen wir uns regelmäßig an um zu hören, wie es so geht.

Überwindung kann reicher machen

Vieles ist mir bei unserer Wiederbegegnung klar geworden:
Neubegegnung und Versöhnung sind möglich, geografische und seelische Entfernungen und Entfremdungen können überwunden werden. Manchmal muss dies der Kinder zuliebe geleistet werden. Und wenn man Glück hat, dann kann es passieren, dass man überraschend selbst reich beschenkt wird.

Beatrix H. 

Foto: Angela Jagenow