Arm sein ist Ansichtssache

Arm sein ist Ansichtssache

Meine Tochter ist inzwischen 17 Jahre alt und seitdem sie klein ist, jongliere ich mit wenig Geld durchs Leben. Dass es schwer sein würde, ein Kind allein groß zu ziehen, hatte ich von allen Seiten gehört. Dass „allein erziehend" aber gleichbedeutend ist mit einem Leben am Existenzminimum, wusste ich nicht. Mit Kindergeld und dem Gehalt aus seiner Vollzeitstelle lag unser Familieneinkommen Mitte der 90er Jahre 35 DM über dem Sozialhilfesatz. Der Kindsvater, wir hatten uns während der Schwangerschaft getrennt, hatte es nach der Vaterschaftsklage vorgezogen, für Jahre unterzutauchen.

Selbst ist die Frau

Damals habe ich begonnen, Dinge selbst zu machen, für die andere Leute viel Geld bezahlten. Meine Tochter wünschte sich ein Puppenhaus, eines mit einer Treppe und Fenstern und Türen zum Öffnen. Hätte ich angefangen zu sparen, hätte sie so ein Haus wohl heute noch nicht. Dafür bekam ich eine ausgediente Laubsäge, einige Bastelbretter, Schrauben und Nägel geschenkt. Weiteres verwendbares Material entdeckte ich nach und nach in den umliegenden Baumärkten. Seit dieser Zeit bin ich Baumarkt-Stammkunde. Eine Schublade, die im Laufe der Jahre schlapp gemacht hat? Kein Problem! Der Abflussschlauch der neuen Waschmaschine ist zu kurz? Auch kein Problem!

Garten statt Urlaub

Die Vollzeitstelle habe ich schon lange nicht mehr. Ob wir nun noch weniger Geld zu Verfügung haben? Wahrscheinlich. Mit meiner Tochter im Urlaub war ich noch nie. Das übernehmen Oma und Onkel hin und wieder. Dafür wohnen wir seit einigen Jahren in einer ruhigen Ecke Berlins. Zu unserer Wohnung gehört ein kleiner Garten, für den ich eine große Liebe entdeckt habe. Nachdem meine Tochter ihn nicht mehr als Spielplatz benötigte, habe ich die Rasenfläche Stück für Stück durch Blumenbeete ersetzt. Die Rankgitter für die Rosen habe ich natürlich selbst gebaut. Ich bin glücklich über Blumen, die so nett sind, sich selbst auszusäen. Und alles, was unansehnlich geworden ist, bekommt einfach eine Schicht neue Farbe. Ich pflanze und pflege meine Blumen, meine Tochter zieht mit Freundin, Decke und Picknickkorb auf das übrig gebliebene Stückchen Rasen und unser kleines Hündchen findet ein nettes Plätzchen in der Sonne.

Wünsche einer 17-jährigen

Mit einem finanziellen Polster wäre unser Leben durchaus beruhigender, denn Auseinandersetzungen mit Behörden und Ämtern zehren zunehmend an meinen Nerven. Erst recht, seitdem der Vater meiner Tochter die Unterhaltszahlungen vor einem halben Jahr sang- und klanglos wieder eingestellt hat. Außerdem hat eine 17-jährige sehr, sehr viele Wünsche, die mit Brettern, Schrauben und Nägeln nicht zu erfüllen sind. Und ich würde ihr ihre Wünsche gerne erfüllen.

Kleine Dinge, die das Leben schön machen

Dennoch verstehen wir es, uns den Alltag schön zu machen. Kino-, Schwimmbad- oder Eisbahnbesuche sind natürlich nur ausgesprochen selten möglich, auf Restaurants verzichten wir vollkommen. Dafür habe ich gelernt, in Supermärkten nach Angeboten zu schauen und durchaus Leckeres zu kochen. Marmelade mach ich selbst. Im letzten Herbst brachte ein Nachbar eine riesige Menge Birnen aus seinem Garten, die ich – wie in früheren Zeiten – für den Winter eingekocht habe. Und wenn es erst wieder Sommer ist, ist jeder Tag in unserem Garten ein bisschen wie Urlaub.

Astrid P.

Der Text wurde uns freundlicherweise vom VAMV Landesverband Berlin e.V. zur Verfügung gestellt.

Wenn auch du deine Geschichte hier erzählen möchtest, dann melde dich bei uns unter info@die-alleinerziehenden.de.