Über das Recht auf Arbeit

Über das Recht auf Arbeit

Als meine jüngste Tochter 4 Jahre alt war (vor 14 Jahren), wurde ich vom Sozialamt aufgefordert wieder arbeiten zu gehen. Nun ist es nicht so, dass ich das nicht wollte, nur leider ist es mit drei Kindern im Alter von 4, 9, und 10 Jahren nicht so einfach erstens einen Job und zweitens eine Tagesmutter zu finden. Aber eigentlich freute ich mich erst mal, hatte ich doch das Gefühl, dass mein Sozialamt wirklich daran interessiert war, mich wieder in Arbeit und Lohn zu bringen. Obwohl weder damals noch heute eine Arbeitspflicht für Mütter mit drei Kindern unter 16 Jahren besteht, wollte ich wieder arbeiten. Die Anerkennung für die erzieherischen Leistungen einer Mutter ist dermaßen gering und der Erziehungs-Job auch noch unbezahlt, so dass es mir wichtig war, wieder selbst in die Rentenkasse einzubezahlen. Und ich erwartete ein Stück Unabhängigkeit von den dauernden Anträgen auf Beihilfe, auf Zuschuss zu Schulbedarf, auf Beihilfe zum Klassenausflug, auf Genehmigung zum Kauf eines Kinderfahrrades, usw. . .

Keine Kostenübernahme für Kinderbetreuung
Ich ging also zum Arbeitsamt und meldete mich arbeitslos. Leider hatte das Vermittlungsverfahren keinen Erfolg, da mich der Sachbearbeiter unbedingt in meinem alten Job als Technische Teilzeichnerin unterbringen wollte, obwohl ich eine Vielzahl der Neuerungen nicht mitbekommen hatte. Nach einigen Monaten konnte ich selbst einen Job bei der Zeitarbeitsfirma finden. Als Hilfskraft im Büro. Eine Bekannte stellte sich als Tagesmutter zur Verfügung. Also ging ich zum Jugendamt und erklärte der Sachbearbeiterin, dass ich einen Job gefunden habe, wie es vom Sozialamt verlangt wurde, und nun eine Tagesmutter bräuchte. Die Dame war schockiert. Ich könnte doch nicht erwarten, dass das Jugendamt eine Tagesmutter für drei Kinder bezahlen würde. Die Kosten wären ja höher als mein Nettogehalt. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Mit der Begründung, dass sich meine Arbeit nicht lohnen würde, wurde der Antrag auf Übernahme der Kosten für eine Tagesmutter vom Jugendamt abgelehnt. Also ging die Suche nach einer Betreuungsmöglichkeit für die Kinder von vorn los. Der Einsatz meiner Mutter als Betreuung kam wegen der räumlichen Entfernung nicht in Frage. Wir kamen auf die Idee eine Au pair zu engagieren. Nun ist es eigentlich nicht der Job einer Au pair den ganzen Tag auf sich allein gestellt auf Kinder aufzupassen, aber wir konnten ein Mädchen finden das etwas älter war und sich das zutraute. Die Kosten für die Au pair (für die volle Kinderbetreuung erhielt sie natürlich viel mehr als das übliche Taschengeld, aber weniger als eine Tagesmutter) wollte ich als notwendige Ausgaben vom Einkommen absetzen. Damit hätte ich noch eine Zuzahlung vom Sozialamt erhalten. Das aber wollte das Sozialamt nicht akzeptieren, mit der Begründung, dass die Au pair keine anerkannte Betreuungsperson darstellen würde.

Das Sozialamt schlägt vor: Rückkehr in den Sozialhilfebezug
Nachdem ich gegen diesen Bescheid Widerspruch einlegte, wurde mir erklärt, dass ich doch wieder aufhören könnte zu arbeiten. Mir würde auch wieder die Sozialhilfe gezahlt, die mir vorher mit der Aufforderung arbeiten zu gehen, verweigert wurde. Das konnte ich mir nicht gefallen lassen und klagte beim Verwaltungsgericht. Und damit das nicht monatelang dauerte, beantragte ich umgehend eine einstweilige Verfügung auf Berücksichtigung der notwendigen Ausgaben. Diesen Prozess habe ich zum Schluss gewonnen. Der Richter fragte mich ganz ernsthaft, warum ich denn un-bedingt arbeiten wollte. Auf meine Frage, ob es denn nicht das Recht auf Arbeit gäbe, antwortete er: tut mir leid, es gibt nur die Pflicht zur Arbeit, ein Recht darauf gibt es nicht. Das hat mir sehr zu denken gegeben. Da das ganze Verfahren sechs Monate dauerte und ich vom Sozialamt in dieser Zeit keine Zuzahlungen erhielt, war ich absolut pleite und musste den Job wieder kündigen.

Meine Entscheidung hat meinen Kindern nicht geschadet
Unsere Au pair haben wir trotzdem behalten. Ich konnte in Teilzeit weiter arbeiten und mir so eine neue berufliche Zukunft aufbauen. Unsere Au pair kam aus Litauen. Ich habe meine beruflichen Tätigkeiten nicht mehr aufgegeben sondern ausgebaut. Wir haben weitere Au pairs aus der Slowakei und aus Moldawien eingestellt. Und ich bin sehr froh, dies getan zu haben. Auch wenn es zu Beginn große Probleme mit der Akzeptanz unter meinen Freunden und Bekannten gegeben hat. Ständig wurde ich gefragt, ob ich kein schlechtes Gewissen hätte, meine Kinder von einer fremden Person betreuen zu lassen. Auf meine Gegenfrage, ob es besser sei noch zehn Jahre lang Sozialhilfe zu beziehen, wussten sie dann keine Antwort. Meinen Kindern hat meine Arbeitsaufnahme nicht geschadet. Und das behaupte ich nicht nur, sondern das wurde mir mehrfach bestätigt. Da sie schon früh selbstständig sein mussten und auch manche Entscheidungen selbst treffen mussten, sind sie heute selbstbewusster und mutiger als Kinder, deren Müttern es nicht möglich war, diesen Schritt zu gehen. Ich finde es sehr erniedrigend, dass unser Staat nicht in der Lage ist, den Müttern die Bettelei auf dem Sozialamt zu ersparen. Eine wirkliche Wahlmöglichkeit zwischen Kindern und Beruf gibt es für Alleinerziehende nur selten. Und ganz bestimmt nicht, wenn sie auf staatliche Hilfen angewiesen ist. Aber ich möchte auch allen Müttern empfehlen, trotz vieler anfänglicher Schwierigkeiten die Bemühungen um eine bezahlte Tätigkeit nicht aufzugeben. Unser Selbstwertgefühl wird von außen gefüttert. Und für die Tätigkeit als Hausfrau und Mutter gibt es vielleicht mal das Bundesverdienstkreuz, eine dauerhafte finanzielle Bezahlung und den gleichen Respekt wie bei einer außerhäusigen Tätigkeit gibt es aber bis heute nicht.

Aus eigener Kraft zum Ziel
Meine Töchter haben mir nie vorgeworfen, dass ich sie allein gelassen hätte. Und darauf bin ich sehr stolz. Auch Kinder können akzeptieren, dass es wichtig ist, sich von sozialen Leistungen unabhängig zu machen und es aus eigener Kraft zu schaffen. Und ich habe ihnen damit bewiesen, dass Alleinerziehende alles schaffen können, wenn sie nur wollen und sich nicht klein halten lassen müssen. Dass dazu Hilfe von außen notwendig ist, versteht sich von selbst. Wenn meine Familie nicht immer zu mir gehalten hätte, dann wäre ich auf den Vorschlag wieder in den Sozialhilfebezug zurückzukehren, bestimmt irgendwann eingegangen. Mittlerweile verdiene ich gut, zwei meiner Töchter können deshalb studieren und meine Älteste wird demnächst Mutter, und ich habe dank der Berufstätigkeit unser eigenes Haus gekauft. Manchmal ist es nur notwendig auf seinem (gesetzlich nicht vorhandenen) Recht auf Arbeit zu bestehen.

Rosemarie A.