Ein Weg in meinem Leben

Ich brauchte schon Mut, über die Stahlbrücke in Schottland zu gehen, die lediglich aus drei Drahtseilen bestand. Und ich fing erstmal an, mich Schritt für Schritt langsam weiter zu bewegen. Je mehr ich auf die Mitte zukam, desto mehr wurden die Seile durch meine Bewegungen in Schwingungen versetzt. Ich musste mich sehr konzentrieren und immer wieder innehalten, damit die Seile ruhiger wurden. Es gibt für mich oft genug Situationen, die Mut erfordern. Ich meine jetzt nicht den Mut, irgendetwas besonders Spektakuläres zu tun und ich würde mich nicht mal in eine Achterbahn trauen. Ich meine eher den Mut, etwas zu tun, was zu mir passt.

Als ich vor mehr als 20 Jahren schwanger wurde, wusste ich nicht wie alles weitergehen soll. Es war absolut nicht leicht für mich! Und trotzdem habe ich es geschafft! Alleine! Seitdem weiß ich, dass ich mir in schwierigen Situationen vertrauen kann und dass ich darauf achten muss, was für mich richtig ist. Ich muss dann auch innehalten und in Ruhe einen Schritt nach dem nächsten machen.

Eine schwierige Zeit

„Weißt Du überhaupt, was Du willst?“ wurde ich gefragt als ich mich nach einer schwierigen Entbindung in einer Phase einer damals nicht diagnostizierten und lang währenden Wochenbettdepression befand. Ich war gerade noch in der Lage, mein permanent schreiendes Kind zu versorgen, für mich reichte es kaum noch.
Ich lebte in einem kleinen Dorf. Mit dem Säugling war ich kurz vorher dort hin gezogen und ich hatte keine Anbindung an irgendwen. Nur das Notwendigste hatte ich nach dem Umzug ausgepackt. Im Ort gab es nicht mal einen Laden zum Einkaufen. Eine gute Freundin, sonst telefonisch weit weg, starb zu der Zeit. Ich litt unter Schlafmangel und verlor grenzwertig viel an Gewicht. Das Kind entwickelte sich gut und nahm zu. Immerhin habe ich gestillt! Wenigstens meinem Kind sollte es gut gehen!

Wie sollte ich das wissen, was ich will. Ich funktionierte ja nur noch irgendwie.

Ein Schritt nach dem anderen

„Wo die Nacht am tiefsten, ist der Tag am nächsten“! An irgendeinem Punkt habe ich systematisch versucht, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Ich aß Schlagsahne mit Bananen und Aufbaunahrung. Ich trieb mich den ganzen Tag mit meinem kleinen Sohn in der Stadt herum und sprach andere (allein erziehende) Mütter an.

Wie auf der Drahtbrücke ging ich Tag für Tag und Schritt für Schritt weiter. Ich konzentrierte mich und musste immer wieder innehalten, um Kraft zu sammeln. Seitdem weiß ich, dass ich enorm viel Kraft habe. Ich muss nur den Mut haben, weiterzugehen. So war es ganz gut, dass ich nach einem Jahr Erziehungsurlaub wieder arbeiten musste und dass mein Sohn bei einer erfahrenden Tagesmutter gut aufgehoben war.

Natürlich wusste ich, dass andere Mütter auch „ihre“ Geschichte mitbringen und irgendwann sprachen wir über „unsere“ Geschichten und gründeten einen Verein, den Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) Ortsverein Eutin. Das war 1992.

Nun wusste ich, was ich will!

Bis heute bin ich im VAMV aktiv.

Angela J.: von 1992 bis 1997 Vorsitzende im Verband alleinerziehender Mütter und Väter Ortsverein Eutin, seit 1996 Vorsitzende im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) Landesverband Schleswig-Holstein, seit 2007 Mitglied im VAMV – Bundesvorstand, seit 2001 Aufbau und Koordination des „Eutiner Babynetz“.