Vater, Tochter, Tochter

Thema: Vater
Vater, Tochter, Tochter

Die Beziehung zu meinen beiden Töchtern war schon immer enger als die Beziehung meiner Töchter zu ihrer Mutter. Als meine Frau und ich uns 1987 trennten, waren unsere Töchter fünf und sieben Jahre alt. Beide wollten lieber bei mir bleiben. Deshalb beantragte ich nach der Trennung sofort das alleinige Sorgerecht und bekam es auch. Meine Ex-Frau hätte auch gerne das Haus und die Kinder übernommen und wäre mit ihrem neuen Freund eingezogen. Das Verfahren ging über zwei Instanzen, aber die Richter berücksichtigten den eindeutigen Willen der Kinder. Ein Richter hat uns sogar zu Hause besucht. Auch das Jugendamt, mit dem ich sehr schnell Kontakt gesucht hatte, befürwortete, dass die Kinder bei mir blieben. Wir hatten von Anfang an eine sehr großzügige Umgangsregelung. Da wir in der gleichen Stadt wohnten, konnten die Kinder so oft zur Mutter, wie sie wollten. Irgendwann wurde das der Mutter aber zu viel und wir einigten uns auf vierzehntägige Besuche.

Karriereeinbruch: Auch alleinerziehende Männer treffen im Berufsleben auf wenig Toleranz

In der ersten Zeit nach der Trennung stand mir meine Mutter zur Seite. Es dauerte einige Zeit, bis ich einen Ganztagsplatz im Kindergarten für die Kleine gefunden hatte. Zu der Zeit gab es in unserer Stadt keine Schulhorte. Die Große ging schon zur Schule und konnte nach Schulschluss bei der Mutter einer Schulkameradin bleiben, wo sie zu Mittag aß und auch die Schularbeiten machte. Da beide Kinder die gleichen Schulzeiten hatten, klappte dieses Arrangement sehr gut. Als die Kleine zur Schule kam, konnte ich eine ähnliche Vereinbarung mit der Mutter eines Schulkameraden treffen. Beide Mütter wurden für die Betreuung bezahlt.

Nach den ersten beiden Jahren wechselte ich die Firma, weil die unregelmäßigen Arbeitszeiten, bei denen ich oft erst zwischen 17 und 19 Uhr zu Hause war, mit der Kinderbetreuung nicht harmonierten. In der neuen Firma hatte ich um 15 Uhr Schluss und war als Abteilungsleiter beschäftigt. Allerdings wurden viele Besprechungen auf die Nachmittagsstunden nach Dienstschluss gelegt und ich konnte nicht an ihnen teilnehmen, weil ich meine Kinder abholen musste. Deshalb wurde ich meiner Funktion als Abteilungsleiter wieder enthoben und in einer anderen Abteilung als Sachbearbeiter beschäftigt. Insofern bescherte mir die Kinderbetreuung einen Karriereeinbruch.

Bis zum zehnten, elften Lebensjahr behielten wir die Nachmittagsbetreuung bei. Danach konnten die Kinder alleine von der Schule nach Hause gehen, machten sich dort das Mittagessen warm, das ich am Abend vorher vorkochte und erledigten ihre Hausaufgaben selbständig. Auf meine Töchter konnte ich mich immer verlassen. Wenn sie um 13 Uhr zu Hause waren, stellten sie das Haus nicht auf den Kopf, sondern kamen gut alleine klar, bis ich um 15 Uhr von der Arbeit kam. Bis auf den üblichen Geschwisterstreit natürlich. Einmal in der Woche kam meine Mutter und kochte in ihrer Funktion als Oma das Lieblingsessen der Kinder.

Unterschiede zwischen alleinerziehenden Müttern und Vätern

Schon zwei oder drei Monate nach der Trennung kam ich zum Verband alleinerziehender Mütter und Väter, wo ich viel Unterstützung fand und positive Erfahrungen machte. Es wurde viel zusammen mit den Kindern unternommen. Der gemeinsamen Freizeitgestaltung folgte bald das Engagement, zuerst im Ortsverband, später im Landesvorstand. In diese Zeit fällt auch mein Einstieg in den KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt). In den Ortsgruppen gab es sehr viele alleinerziehende Väter, offenbar eine lokale Besonderheit.

Der Unterschied zwischen Müttern und Vätern war, dass die Väter meist Vollzeit weiter arbeiteten, während die Mütter, oft vor der Geburt auch in Vollzeit berufstätig, in der Regel zu arbeiten aufhörten, wenn die Kinder kamen. Dann trennten sie sich und der Wiedereinstieg in den Beruf mit kleinen Kindern war sehr schwer. Einige gingen ganz bewusst in die Sozialhilfe, um sich ihren Kindern widmen zu können. Eine andere musste in eine weit entfernte große Stadt ziehen, um einen Kindergartenplatz und Arbeit zu bekommen.

Die Reaktion meiner Umwelt auf mich als alleinerziehenden Vater war sehr unterschiedlich. Die Männer reagierten eher ablehnend:„Wie kommste denn auf den Trichter?“ und die Frauen eher bewundernd.

Hotel Papa

Meine ältere Tochter ist dann in der Pubertät mit 14 Jahren zu ihrer Mutter gezogen. Dort blieb sie 4 Jahre. Als sie 18 war, zog sie allerdings wieder bei mir ein und blieb bis zum Ende ihres Studiums: Klarer Fall von Hotel Papa. Meine jüngere Tochter blieb durchgehend bei mir und zog dann mit 18 Jahren aus.

Die Zeit als alleinerziehender Vater hat mir viel Spaß gemacht. Später haben die Kinder dann mich erzogen. Eine schöne Erinnerung sind unsere Urlaube und die Vater-Kind-Kuren. Großen Spaß hatten wir auch bei den Familienseminaren, die oft vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter mit Unterstützung durch die Kirche veranstaltet wurden: Diese Familienseminare hatten hilfreiche pädagogische Anteile und ließen auch viel Raum für das Miteinander der Familien: Abends wurden Schnitzeljagden und Nachtwanderungen veranstaltet und Räubergeschichten vorgelesen. Einmal haben wir Eltern Märchen im Jugendjargon aufgeführt; die Proben mussten wir natürlich geheim halten und die Kinder platzten fast vor Neugier, was wir Eltern wohl hinter den vorgezogenen Vorhängen vorbereiteten.

Trotz meiner Situation als alleinerziehender Vater habe ich neben dem intensiven Gefordert-Sein durch die Kinder immer darauf geachtet, auch gewisse Freiräume für mich selbst und das Miteinander mit Freunden und Bekannten zu schaffen. Es ist sehr wichtig, nicht nur nach innen, sondern auch nach außen zu gucken, um den Kontakt mit der Außenwelt nicht zu verlieren.

Werner S.