Familienbande

Familienbande

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“.
(Afrikanisches Sprichwort)

Ich habe einige Jahre spanischsprachige Länder und Inseln bereist, immer auf der Suche nach mir selbst und der Aufgabe. Beides fand ich dann auf einer Insel in der Nordsee, als mein ältester Sohn zur Welt kam. Ein Jahr zuvor hatte ich noch die argentinische Pampa zu Pferd durchquert und bis zur Geburt den festen Plan, so bald wie möglich weiter zu reiten, mit dem Baby unter dem Arm. Ich begriff dann ziemlich schnell, dass dies nicht realisierbar war.

Zu diesem Frust kamen die üblichen Probleme einer jungen Ehe: Er – sieht und gefällt sich in der traditionellen Rolle des Alleinversorgers mit allen dazugehörenden Privilegien (kein Haushalt, alleine weggehen, mit Sachen wie Papierkram oder Kindergeburtstagen nichts am Hut haben). Sie - ist frustriert und fragt sich, wozu sie studiert und alle Dinge getan hat, die sie eben so getan hat, um jetzt hier Kinder, Küche, Kirche zu spielen. Beide trauern ihrer plötzlich vergangenen Jugend nach (mit Anfang 30!) und dass das Baby ein Schreikind ist, trägt nicht gerade zur Entspannung bei.

Irgendwann hörte das Kind auf, nachts zu brüllen und der Mann kam gelegentlich öfter nach der Arbeit nach Hause, saß aber gerne vor dem Computer (stundenlang) und versuchte so, meinem Genörgel zu entgehen. Wir wussten beide nicht, wie man konstruktiv miteinander redet. Als ich sagte, dass ich auch wieder arbeiten wolle, war er zuerst dagegen und kam dann eines Tages nach Hause und hat eine Putzstelle für mich organisiert! Das brachte für mich das Fass zum Überlaufen: Ich nahm mein Kind und ging. Der Trennung auf Probe folgte eine einvernehmliche Scheidung.

Ich bin mit meinem Sohn nach Spanien gezogen, er wurde dort mit 4 Jahren eingeschult und wir hatten zusammen ein schönes Leben. Aber sein Vater und auch seine Großeltern fehlten ihm sehr. Als ich sah, wie er sich die Fingernägel bis an den Rand herunter gnibbelte, wusste ich, dass die Entscheidung wegzugehen, wohl für mich, aber nicht für ihn die richtige gewesen war. Also gingen wir zurück. Ich fand Arbeit und bekam noch einen Sohn von einem anderen Mann. Der erkannte die Vaterschaft noch an und setzte sich dann ab – ausgerechnet nach Spanien. Ironie des Schicksals…

Vater Nummer 1 mutierte dann nicht zum Idealvater, aber wenn etwas war, konnte ich ihn jederzeit anrufen und auch Kindesunterhalt bezahlte er regelmäßig. Ich selber habe eigentlich immer gearbeitet, selbst im Erziehungsurlaub noch stundenweise und habe ebenfalls immer Weiterbildungen besucht, nötigenfalls im Fernlehrgang.

Es braucht ein ganzes Dorf…

Das Wichtigste in dieser Situation war, dass die Familien beide Kinder gleich behandelten, was ich vor allem meiner Schwiegermutter hoch anrechne. Wir hatten einen unausgesprochenen Konsens in der Familie und der hieß „Das Wohlergehen der Kinder kommt immer zuerst“. Dem ordneten wir die meisten persönlichen Befindlichkeiten unter. Selbst als ich einen neuen Lebensgefährten fand, der die Vaterrolle für den Jüngsten übernahm, konnten er und seine Familie in das Gesamtsystem integriert werden. Für die Kinder ist „Familie“ ein recht dehnbarer Begriff geworden: jeder, den sie sehr mögen und der sich um sie kümmert, wird in diesen Begriff mit einbezogen. Dazu gehören auch die Pastorin, die Patentanten, …Ohne all diese Unterstützung des „ganzen Dorfes“ wäre die Erziehung der Jungen wohl kaum so gut gelungen.

Fünf Jahre später verließ ich die Insel und zog aus beruflichen Gründen aufs Festland. Ich machte langsam „Karriere“, arbeitete Vollzeit und engagierte mich politisch (vor allem im VAMV) und in der Elternarbeit. Die Kinderbetreuung organisierte ich über Horte, Tagesmütter, Babysitter, Nachhilfelehrer, Au-Pair Mädchen, Nachbarn und Freunde. Anfangs lief alles sehr gut.

Dann aber wechselte der Große mit zwölf Jahren vom Gymnasium auf die Realschule, seine Noten sanken ab und ich überlegte ernsthaft, ob ich nur noch halbtags arbeiten sollte. Halb im Scherz fragte ich meinen Ex-Mann beim nächsten Gespräch, ob er sich nicht vorstellen könne, zu uns aufs Festland ziehen.

Wohngemeinschaft mit dem Ex-Mann: Was als Idee begann, ist heute Realität

Tatsächlich lebe ich jetzt seit über einem Jahr mit meinem Ex-Mann, unserem gemeinsamen Sohn und meinem anderen Sohn in einer Wohn- und Erziehungsgemeinschaft und es funktioniert, obwohl es damals niemanden gab, der daran glaubte, nicht einmal wir selbst so wirklich.

Die Hauptverdienerin bin nun ich, er kocht, kauft ein, kümmert sich um die Hausaufgaben und hat die Fahrbereitschaft für die Kinder übernommen. Uns beiden hat dieser Rollentausch gut getan, jeder kann sich jetzt besser in die Lage des anderen hineinversetzen und wir können über Dinge reden. Nach einem Jahr als Hausmann will er jetzt auch wieder arbeiten, wenigstens Teilzeit (ich habe ihm keine Putzstelle besorgt!) und wir müssen uns dann ein weiteres Mal neu organisieren. Die Kinder finden das alles klasse, wir haben aber trotzdem Begleitung bei einem Kinderpsychologen gesucht, für den Fall, dass das Experiment scheitern sollte und auch, damit sich unser Sohn keine Hoffnung auf eine „Wiedervereinigung“ macht. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem sich einer von uns beiden neu verlieben wird. Dann wollen wir eine größere Wohnung suchen oder hier im Haus eine Wohnung dazu mieten.

„Eigentlich war das ganz schön egoistisch von Dir“, sagte mein großer Sohn einmal zu mir, „Du wolltest Deinen Job nicht aufgeben und mich nicht an Papa abgeben“. „Ja“, sagte der Kleine, „dafür haben wir aber jetzt jeder einen Papa, oder zwei, oder…?“ Er sah uns fragend an. „Egal, wir sind alle eine Familie – solange bis Du ins Altersheim musst.“

Natürlich ist unser Modell nicht für alle eine Möglichkeit - ich möchte aber zeigen, dass mit viel Kompromissbereitschaft und Mut zu ungewöhnlichen Wegen auch Lösungen gefunden werden können, die in erster Linie den Kindern und nicht zuletzt uns als Eltern nutzen.

Wer mehr wissen möchte, darf uns auch anmailen: lebewildundgefaehrlich@email.de

Karen R.